Sie fühle sich "großartig", sagte Clinton nach ihrem Schwächeanfall. Die Bilder sprachen aber eine andere Sprache. - © apa/afp/Brendan Smialowski
Sie fühle sich "großartig", sagte Clinton nach ihrem Schwächeanfall. Die Bilder sprachen aber eine andere Sprache. - © apa/afp/Brendan Smialowski

New York/Washington D. C. Mitleid vom Konkurrenten stellt nicht umsonst eines der giftigsten Wahlkampfmittel überhaupt dar; und wenn es dann auch noch von einem wie Donald Trump kommt, muss es besonders wehtun. Aber es hilft alles nichts. An dem, was da Sonntagmorgen in Manhattan passierte, gab es für Hillary Clinton kein Herausreden. Auch wenn ihre Fürsprecher und Anhänger sofort alles taten, um die Sache mit der Taumelei herunterzuspielen: Eine ganz normale Lungenentzündung, alles halb so wild, die Kandidatin erfreue sich bester Gesundheit.

Aber nachdem die Bilder von der wankenden Präsidentschaftskandidatin am frühen Montagmorgen längst um die Welt gegangen waren - und in den USA teils sogar die Berichterstattung über den 15. Jahrestag des verheerendsten Terroranschlags ihrer Geschichte in den Schatten stellten -, ging es de facto nur mehr Schadensbegrenzung.

Der Vorsprung von Clinton schmilzt

Was genau passiert war: Am Sonntagmorgen besuchte Hillary Clinton in New York City eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des 11. September 2001. Nämliche musste die 69-Jährige vorzeitig verlassen, weil ihr nicht gut war. Kurz bevor sie auf dem Rücksitz ihres Wagens Platz nehmen wollte, passierte es. Offensichtlich nur Sekunden davor, in Ohnmacht zu fallen, wurde Clinton gerade noch rechtzeitig von ihren Sicherheitsleuten aufgefangen. Nachdem sie sie ins Wageninnere verfrachtet hatten, raste der schwarze SUV in den Stadtteil Chelsea, wo ihre gleichnamige Tochter lebt.

Erst rund eineinhalb Stunden und eine ärztliche Schnelldiagnose ("Hitzeschlag") später zeigte sich Clinton wieder der Öffentlichkeit, als sie den noblen Apartmentkomplex wieder verließ und den mittlerweile hunderten davor kampierenden Reportern versicherte, dass sie sich "großartig" fühle. Die zuvor von der Handykamera eines Schaulustigen aufgenommenen Bilder erzählten indes eine andere Geschichte.

Die Spekulationen über ihren Gesundheitszustand kommen für Clinton zur Unzeit. War sie in den Wochen nach dem Parteitag der Demokraten in Philadelphia Ende Juli in praktisch allen Umfragen um bis zu zehn Prozent vorne gelegen, hatte sich der Abstand auf Trump in den vergangenen Tagen wieder auf Prä-Convention-Niveau eingependelt. Laut dem Gros der Meinungsforscher beträgt der Abstand nunmehr wieder lediglich vier bis fünf Prozentpunkte. Dazu kam vergangene Woche etwas, was man mit Fug und Recht als ersten groben Ausrutscher Clintons in einer ansonsten - bisher - eher bedachten Kampagne nennen kann.

"Ein Sack voll Bedauernswerter"

Im Rahmen eines Fundraisers nannte die Kandidatin einen Teil der Anhänger Trumps wörtlich "einen Sack voll Bedauernswerter", von denen "die Hälfte in ihrem Rassismus, Sexismus, in ihrer Xenophobie und Islamophobie rettungslos verloren" sei. Ungeachtet des Wahrheitsgehalts der Aussage ein gefundenes Fressen für Trump, der es zunächst seinen Fürsprechern überließ, Clinton der Wählerbeleidigung zu zeihen, bevor er am Montagmorgen in einem Fernsehinterview selber nachschob: "Wer Präsident sein will, muss für alle da sein. Nicht nur für seinen eigenen Anhänger." Ansonsten wünsche er ihr "alles gute" und hoffe, "dass es ihr bald wieder gut geht".

Für den Kandidaten der Republikanischen Partei, der am Montag noch dazu gelobte, bald seine eigenen Gesundheitsatteste öffentlich zu machen - Trump ist auch schon 70 Jahre alt -, stellt die Geschichte Manna vom Himmel dar. Auch wenn sich der Abstand zwischen ihm und Clinton in den bundesweiten Umfragen in den vergangenen Monaten verringerte, liegt er bisher in den sogenannten "Swing States" immer noch relativ klar hinten.

Aber wie sich in den 24 Stunden nach der Taumelei von Manhattan zeigte, könnte der Rückhalt für Clinton tatsächlich ernsthaft erodieren, wenn sich derartiges oder Ähnliches in den gut zwei Monaten bis zur Wahl auch nur einmal wiederholen würde. Der Grund dafür liegt weniger in der plötzlichen Effektivität der Trump-Kampagne, trotz in den vergangenen Monaten zweifellos gemachter Fortschritte wie der Eröffnung von hunderten Wahlkampfbüros, die Professionalisierung der über Fernsehen, Radio und Social-Media-Kanäle verbreiteten Botschaften und ihre erhöhte Fundraising-Tätigkeit. Sondern daran, dass jetzt jene Saat aufzugehen scheint, die von den Gegnern Clintons bereits seit langem systematisch gestreut wurde.

Weiße Nationalisten streuen Gerüchte

Begonnen haben die Spekulationen über den angeblich maroden Gesundheitszustand der Kandidatin praktisch sofort, nachdem sie ihre Bewerbung ums Weiße Haus bekanntgegeben hatte. Ausgehend von einer erst im Nachhinein bekannt gewordenen Operation, die sie während ihrer Zeit als Außenministerin unter Barack Obama über sich ergehen lassen musste und im Rahmen derer ihr ein Blutgerinnsel im Kopf entfernt wurde, schossen Gerüchte ins Kraut, dass sie für den Job nicht fit genug sei. Vorerst beschränkten sich diese freilich nur auf die Medien der sogenannten "Alt Right"-Bewegung, eine diffuse, fast ausschließlich im Internet auftretende Ansammlung weißer Nationalisten, die bis zur Nominierung Trumps zum Spitzenkandidaten der Konservativen ein Schattendasein führte. Seit der Kür des Immobilien-Magnaten und Ex-Reality-TV-Stars hat sich das geändert. Zuerst nahm einer seiner wichtigsten Fürsprecher den Ball auf. Schon seit Wochen ließ sich der New Yorker Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani bei allen, die es hören wollten und wollen, über die angeblich ernsten gesundheitlichen Probleme Clintons aus.

Nachdem Trump dann auch noch seinen in der Partei fest verankerten Wahlkampfmanager Paul Manafort entließ und durch einen ehemaligen Chefredakteur der Breitbart-Mediengruppe ersetzte, welche die erklärten Lieblingsmedien der sogenannten "Alternativen Rechten" vertreibt, fand diese Form der Propaganda endgültig Eingang in den Mainstream der US-Innenpolitik. Mit Spannung wird jetzt erwartet, wie weit Trumps Wahlkämpfer - und nicht zuletzt Trump selbst - jetzt wirklich damit gehen werden, seine Konkurrentin als de facto bettlägerig darzustellen. Die erste von insgesamt drei Fernsehdebatten zwischen Clinton und Trump findet am 26. September statt.