"Ich fange einfach an, sie zu küssen. Ich warte nicht einmal. Wenn du ein Star bist, dann lassen sie dich. Du kannst alles machen. Ihnen an die Pussy fassen. Alles." So spricht der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump also über die Frauen. Zumindest in männlicher Gesellschaft, wenn er denkt, die Mikrofone seien nicht aktiv. Er selbst wollte diese Sätze, die auf einem jüngst veröffentlichten Video aus dem Jahr 2005 aus seinem Mund zu hören sind, als eine Art Männergefasel in der Umkleide abtun. Das macht die Sache eher schlimmer als besser, denn sie outet Trumps Blick auf die Frau als einen alltäglichen. Vor allem, weil die Männer rund um ihn auf die herablassende Prahlerei mit sexueller Gewalt nicht nur keinen Einspruch vorbringen, sondern mit zustimmendem Lachen reagieren.

Frauen sind wie ein Korb mit frischen Früchten. Hat der Mann Appetit, greift er einfach zu und beißt genussvoll in die knackigste. Trumps Frauen-Bild ist entwürdigend, aber wenig überraschend. Es passt zu den Eckdaten seines Lebens und den bisherigen Aussagen im Wahlkampf, mit denen er so ziemlich jeden und alles beleidigt hat. Nach seiner Tochter, bei der er nichts dagegen hat, dass sie als Sexualobjekt gehandelt wird, nun eben auch Frauen im Allgemeinen.

Trump ist mit seinen Beleidigungen bisher ungeschoren davongekommen. Die Umfragewerte sind nicht gerade im Steigen. Stolpern wird er auch über seine letzten Sager nicht wesentlich mehr als über die anderen. Dazu ist der Nährboden zu fruchtbar, auf den seine dumpfe sexistische Weltsicht fällt.

Dass Trumps Genuss- und Besitzanspruch auf Frauen kein Einzelfall ist, sondern ein dunkles Abbild der Realität, zeigt der Aufschrei von Frauen darauf. Als Reaktion auf das prahlerische Video initiierte Autorin Kelly Oxford eine Debatte um sexuelle Angriffe. Auf Twitter forderte sie Frauen dazu auf, die ersten Übergriffe auf sie zu schildern. Millionen - vor allem aus den USA und Kanada - folgten ihrem Aufruf und posteten ihre Erfahrungen im Sekundentakt. Die Vielfalt der Geschichten ist erschreckend. Vom Dermatologen, der eine 14-Jährige nur nackt untersuchen will, über den Herren, der einer 12-Jährigen im Bus grinsend zwischen die Beine fasst, bis zu Belästigungen von Mitschülern auf Schultoiletten und auf offener Straße. Diese Bestandsaufnahme ist verabscheuenswürdig und offenbar doch ein überwältigend großer Teil unserer Realität, ja offenbar sogar der geduldeten Normalität.

Ist alles so, wie es immer war? Hat die Frauenbewegung nur eine kleine Elite dazu gebracht, sich eine freundliche Maske zuzulegen von wegen Achtung der Frau und Gleichberechtigung? Oder sind die Bemühungen der Feministinnen vielleicht sogar an den Frauen selbst gescheitert? Und kämpft sich an diesem ungeschliffenen Rüpel, der ins Weiße Haus möchte, nun einfach die grausame Realität an die Oberfläche?

Keine Frage: Nur wenn Frauen aufstehen und nicht zulassen, dass sexuelle Übergriffe bagatellisiert werden, sondern sie öffentlich anprangern, wird sich etwas ändern. Es mag wohl nur Wunschdenken sein, dass es eines letzten großen Aufbäumens wie diesem bedarf, damit das Thema endgültig vom Tisch ist. Und zwar nicht, weil niemand mehr über sexuelle Übergriffe spricht, sondern weil es nichts mehr gibt, über das man reden müsste. Weil sich das verstaubte patriarchale, die Frauen unterdrückende System endlich selbst überholt hat.

Ein Blick in die Gegenwart zeichnet da ein offensichtlich anderes Bild. Als kompliziert würde man das Verhältnis der Geschlechter heute wohl bezeichnen. Männer, die sich ihre Männlichkeit beweisen müssen, indem sie sich in Seminaren laut schreiend auf die Brust trommeln, große Fische erlegen oder Frauen erniedrigen, das hatten wir schon hinter uns geglaubt. "Da kann ein Mann noch Mann sein" oder "Das ist etwas für echte Kerle" - diese Sätze hört man wieder häufiger. Dazu kommen alte Debatten wieder auf, die manche als erledigt betrachtet hatten: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder das Recht auf Abtreibung. Und es etablieren sich neue Diskussionsfelder wie jene von und über Frauen, die bereuen, Mütter geworden zu sein. Verunsicherung herrscht hier auf beiden Seiten. Die eigene Position hier auszuloten und auch zu leben, verlangt - neben einem gewissen Reflexionsniveau - viel Zeit und Arbeit. Hyperindividualität und Selbstverantwortung stehen dabei vor vorgefertigten kollektiven Identifikationsmustern.

Die alten Rollenbilder haben ausgedient, neue wird es nach heutigem Stand keine mehr geben. Dazu ist die Vielfalt an Lebensentwürfen zu groß geworden. An diesem neoliberalen Any-thing-Goes der Geschlechterverhältnisse und -rollen sind schon so manche starke Frauen-Persönlichkeiten ins Trudeln geraten. Nicht jeder oder jede ist bereit, sich darauf einzulassen. Dass es einfacher würde, hat niemand versprochen, nur dass es vielfältiger und ehrlicher würde.

"Weil wir 2015 haben" - die Begründung des frisch gewählten kanadischen Premiers Justin Trudeau für einen Frauenanteil von 50 Prozent in seinem Kabinett gab vor einem Jahr Grund zur Hoffnung, es könne doch bereits alles gut sein oder zumindest werden zwischen den Geschlechtern. Die aktuelle Debatte belehrt hier eines Besseren.

"Make America great again" hat eine klar nostalgische Komponente. Es nennt die Sehnsucht nach einer Zeit, als der Amerikanische Traum noch ein solcher war, als harte Arbeit mit Aufstieg belohnt wurde, als die Welt überschaubar war und wirtschaftlich stabil. Es meint also: "Make America simple again". Und damit ein Weltbild, in dem Frauen noch Frauen und Männer noch Männer sind. Als die Kellnerin im Imbiss an der Ecke noch meinte, hinnehmen zu müssen, bei jeder zweiten Bestellung Hände auf ihrem Hintern zu spüren, und als man die Frauenbewegung in Männerrunden noch als zickige Kampflesbengruppe abtun konnte. Beides ist wohl leider noch immer nicht endgültig Teil einer vergangenen Epoche. Und darin liegt das Problem des Phänomens Trump: Es scheint nicht nur genug Menschen zu geben, die tolerieren, was er sagt, sondern auch solche, denen er aus der Seele zu sprechen scheint - Männer und Frauen. Dabei geht es um mehr als ein bloßes Bildungsproblem. Es zeigt, dass hinter der Entscheidung, Trump zu wählen, nicht nur der Wunsch nach einem authentischen Alleinunterhalter steckt. Es ist vielmehr der Wunsch, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Nicht nur zwischen Mann und Frau.

Das Gefährlichste am Umgang mit diesem Frauenbild ist, Trump als einsamen Spinner und Sonderling abzutun. Im Ignorieren seiner Wirklichkeit steckt wesentlich mehr Sexismus als in jedem seiner Sätze. Man muss Trump beinahe dankbar sein, dass er eine Fratze unserer Gegenwart enthüllt. Es ist einfacher, gegen die hässlichste Realität anzugehen als gegen die hübscheste verlogene Maske.