Los Angeles. Das letzte große Kandidatenpalaver ist beendet und die Mütter rufen ihre Kinder nach Hause, als ob nichts gewesen wäre: halb acht, Zeit fürs Abendessen. Die letzten Nachbarn, die erst jetzt von der Arbeit nach Hause kommen, wünschen einander "Buenas Noches" und führen über einem Feierabend-Joint Smalltalk über die um diese Jahreszeit wieder stärker werdenden Santa-Ana-Winde.

Durch die Fenster der bescheidenen Einfamilienhäuser und maximal zweistöckigen Apartmentkomplexe flackern die Bildschirmlichter, an den nunmehr frühen Einbruch der Dunkelheit mag sich nach dem langen Sommer noch keiner richtig gewöhnen. Glassell Park, Northeast Los Angeles, am Tag der dritten und letzten Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump 2016: Ein amerikanisches Nachbarschaftsidyll der besonderen Art, über das sich dieser Tage ein immer größer werdender Schatten legt. Die Leute hier haben ganz konkrete Sorgen. Seit gut zwei Jahren findet sich das Viertel im Nordosten der Stadt im Auge des Gentrifizierungsorkans wieder. Die Mieten haben sich in kürzester Zeit verdoppelt bis verdreifacht und nachdem die hiesigen Hausbesitzer auf den Geschmack kamen, "haben sie sich nach und nach in lauter kleine Donald Trumps verwandelt". Fernando sagt das, der seit über zwei Jahrzehnten hier lebt und sich als Hausmeister verdingt. Er stammt aus Acapulco, von wo er flüchten musste, weil man ihn dort sonst umgebracht hätte. "Zu viel Gewalt in Mexiko, immer schon", sagt der Mittvierziger, der seit ein paar Jahren im Besitz einer Green Card ist, der begehrten Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für Ausländer: "Und jetzt wollen die Gringos auch noch eine Mauer bauen. Wenn sie damit aufhören würden, Koka zu schnupfen, würden die Leute in Mexiko sofort damit aufhören, sich gegenseitig zu killen."

In Glassell Park haben aber zunehmend junge, hippe Weiße das Kommando übernommen: Künstler. Studenten. Werbefuzzis. Die sogenannte "kreative Klasse", der Downtown zu schmutzig, Santa Monica und Venice zu teuer, Los Feliz zu alt und der Rest der West Side dann doch gar zu hohl ist. Clinton versus Trump schauten sie alle miteinander nicht. Bei entsprechender Nachfrage erntet man später am Abend nur Kopfschütteln und ungläubiges Staunen. Nicht, dass es hier gar keine Leute gäbe, die sich für Politik interessieren; die Mehrheit der Menschen in Glassell Park bilden immer noch, knapp aber doch, die mit hispanischem oder asiatischem Hintergrund. Aber am Ende sind wir dann halt doch in Kalifornien, einem eigenen, traditionell um sich selber kreisenden Planeten: ein riesiger Bundesstaat, rund 40 Millionen Einwohner, eine Volkswirtschaft größer als die von Frankreich und Brasilien - und mit Ausnahme der achtjährigen Regentschaft von Arnold Schwarzenegger fester denn je in Hand der Demokraten. So fest, dass das, was im Rest des Landes passiert, nur extrem bedingt Einfluss auf den Alltag hier nimmt. "Niemand in unserer Nachbarschaft außer dir schaut die Debatte, Mann", sagt Fernando: "Ganz einfach, weil hier kein Mensch lebt, der auch nur im Traum daran denken würde, Trump zu wählen. Der einzige Politiker, der die Leute in diesem Jahr wirklich begeistert hat, war Bernie. Der ist glaubwürdig, der kümmert sich um Leute wie uns. Aber Bernie hat es leider nicht geschafft. Jetzt wählen sie halt Hillary. Thema erledigt."