Kirkuk. Hassan hat es geahnt. "Wenn Daesh-Kämpfer (Islamischer Staat) in Bedrängnis geraten, schlagen sie um sich", sagte der Mann aus Kirkuk im Kaffeehaus "Today" am Tag, als die Militäroffensive zur Rückeroberung von Mossul vor gut zwei Wochen begann. "Dann haben wir hier auch keine Ruhe mehr."

Der Jurist hatte gerade sein Staatsexamen an der Universität Kirkuk bestanden und feierte mit einigen Freunden im Zentrum der Stadt. Vor allem junge Iraker lieben die offene Atmosphäre im "Today" an der Haupteinkaufsstraße. Schon der Name verkörpert die Haltung der meisten Gäste: heute und nicht gestern.

Nur vier Tage später sind dutzende bewaffnete Islamisten in Kirkuk aufgetaucht, Dschihadistengruppen mit Granaten und Schusswaffen in mehreren Vierteln. Selbstmordanschläge wurden verübt, ein Kraftwerk wurde angegriffen. Zahlreiche Menschen starben. Das "Today" ist zwar verschont geblieben, aber die Kämpfe fanden auch vor seiner Tür statt.

Daesh hat sich über ihre einschlägige Webseite Amaq zu den Übergriffen bekannt. Inzwischen ist die Attacke abgewehrt und in der Stadt wieder Ruhe eingekehrt. Doch knapp eine Million Einwohner fragen sich, wie lange diese anhält. Auch in der Provinz Anbar, deren Städte Ramadi und Falludscha im Sommer zurückerobert wurden, gab es nach dem Beginn der Militäroperation in Mossul Übergriffe.

Hassan und seine Freunde in Kirkuk fühlen sich in frühere Zeiten zurückversetzt, als die Geschäfte schon um 14 Uhr schließen mussten und die Cafés erst wieder aufmachten, als die Situation sich entspannte. Lange Jahre war Kirkuk nach Bagdad die Stadt mit den meisten Terroranschlägen landesweit. Fast täglich explodierten Bomben, Sprengsätze, jagte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss stets unzählige Menschen in den Tod.

Kirkuk gilt als Klein-Irak. Hier leben alle Volksgruppen zusammen, die das Land zu bieten hat: Kurden, Araber und Turkmenen, christliche Assyrer, Jesiden und Kakai. Kirkuks Ölreichtum weckt Begehrlichkeiten. Entsprechend heftig verlaufen die Auseinandersetzungen. Die kurdische Regionalregierung in Erbil erhebt Ansprüche auf die Verwaltung der Stadt, Bagdad ebenfalls. Seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 soll die demografische Verschiebung, die der Diktator Ende der 1990er Jahre gewaltsam unternommen hatte, rückgängig gemacht werden. Damals wurden die Kurden zum Verlassen der Stadt gezwungen, Araber dafür angesiedelt.