Aleppo/Wien. "Nennen Sie mich bitte Dr. Omar. Und fotografieren Sie mich nur von hinten", sagte der junge Arzt in dem Spital gleich neben der Altstadt. Er formulierte die Bitte ohne einen Funken Pathos oder Panik: "Sie wissen es ja. Ärzte, die aufseiten der Opposition arbeiten, gelten in den Augen des Regimes als Terroristen. Wenn der Osten Aleppos fällt, bin ich in großer Gefahr. Dann töten sie mich, wenn sie mich erkennen und finden." Das sagte er im Juli 2013.

Ständig war in dem von der Opposition gehaltenen Teil der Stadt diese dunkle Ahnung im gedanklichen Blickfeld: "Wenn Aleppo fällt, dann..." Hunderte Male habe ich den Satz während meiner Reisen in die Stadt gehört und all die Horrorszenarien, die sich die Menschen dazu ausmalten. So richtig fassen konnte das, was nach dem Wort "dann" kam, aber niemand. Bis jetzt.

"Dr. Omar" bat mich, ihn auf das Dach des Krankenhauses zu begleiten. Von hier aus war das zweite Leitmotiv des Konflikts zu sehen. Die Teilung Syriens, die brutale Bruchlinie durch das Land. Jetzt ist sie einzementiert, doch auch damals war sie schon zum Greifen. "Da ist die Zitadelle. Da sind die Regimetruppen. Es ist nicht einmal ein Kilometer. Dort stehen sie", sagte er.

Niemandsland, Anarchie, dünne Fassade der Normalität


Rund um das Spital waren die Straßenzeilen schon damals in sich gesunken. Sofas ragten aus den Ruinen. "Zwei Mal hätten sie uns gestern fast getroffen", sagte Dr. Omar. Mit "sie" meinte er gesichtslose Andere. Ein Regime, das seinen Tod will. Mit jedem Tag würden sich "die Anderen", die dort leben, ein Stück weiter von ihm entfernen. Sie als gesichtslose Terroristen wahrnehmen.

Er stellt mir Kinder vor, die er behandelte. Einen Fünfjährigen, der halb verschüttet war und dem nun droht, dass er sein Bein verliert. Eine 13-Jährige mit einem Leberriss. Ein Metallteil jener Fassbomben, die unberechenbar und in immer höherer Frequenz hier einschlagen, hat ihr Organ zerfetzt. Die letzte Dosis Antibiotika habe er ihr gegeben. Für die vielen Patienten, denen er Arme oder Beine amputieren muss, "habe ich Schmerzmittel, die in etwa so wirksam sind wie Aspirin".

Bereits damals duckte sich das Spital hinter einem Wall aus Sandsäcken. Im Nachhinein zeigte sich, dass die Ansätze des Horrors von Aleppo seit Jahren existierten. Angriffe auf Krankenhäuser, Luftangriffe, die Schutzlosigkeit, Gegenangriffe mit Sprengsätzen auf den Westen der Stadt.

"Wie dünn meine Haut ist." Das war mein erster und lange einziger Gedanke, als ganz in meiner Nähe eine dieser Fassbomben einschlug. Ich blieb stehen, wie es mir geraten wurde, als ich ein helles Zischen hörte. Es gab keinen Schutz vor Luftangriffen. Auch keine Vorwarnung. Man steht da und wartet und hofft. Es dauerte nicht lange, bis einem der Rhythmus in die Glieder fährt, das Denken prägt, das um eine Wahrheit kreist. Du bist wehrlos. Eine Staubwolke legte sich über die Kreuzung. Sie drohte jene zu ersticken, die den Angriff überlebten. Danach tasteten wir uns - mein Übersetzer und Fahrer und ich - langsam zu dem Trümmerberg vor. Ein Kind lag blutend am Boden. Es war Mahmoud, ein Bub, der Gurken verkauft hatte. Wir hatten noch vor kurzem mit ihm gesprochen.

Hier war Niemandsland. Anarchie. Verdeckt nur von einer dünnen Fassade an eilig gezimmerter Normalität. Oft auch im wörtlichen Sinn: Lein- und Tischtücher wurden über Gassen gespannt, um Schutz vor Scharfschützen zu haben. Hätte mir und den Menschen, bei meiner ersten Reise nach Aleppo, jemand erzählt, dass dies erst der Anfang der Katastrophe sein sollte, es hätte niemand für möglich gehalten. Schon damals brauchte ich Superlative, um das Ausmaß des Dramas zu beschreiben. Jetzt sind diese atemlosen Phrasen ausgeleiert.

Was ist schlimmer als das Allerschlimmste? Laut Marianne Gasser vom Internationalen Roten Kreuz, die in den vergangenen Tagen die Evakuierung der Überlebenden mit organisierte, "war es das Schlimmste, das ich je an menschlichem Leid gesehen habe". Doch so fühlte es sich schon seit Jahren an. Nur hat es kaum jemand mehr hören oder lesen wollen. Es verletzte schon damals die Menschen in Syrien am meisten. Es schien, als wäre der Krieg allen egal. Außer jenen, die ihn mit immer mehr Gewalt führten.

Kriegsrecht wird vom
Recht des Stärkeren abgelöst


Die Eroberung Aleppos galt nur wenige Wochen, im Sommer 2012, als militärischer Erfolg der Opposition. Bald sackte sie in sich zusammen, an der Front in der Altstadt wurde ein erbitterter Stellungskrieg gefochten. Ohne Luftabwehr-Raketen waren die Stellungen der Rebellen den Angriffen von Kampfjets und Helikoptern faktisch wehrlos ausgesetzt. Der Kriegseintritt Russlands 2015 und der massive Zustrom von schiitischen Paramilitärs unter der Führung des Iran beschleunigten den Zusammenbruch dieser Oppositionshochburg. Ohne substanzielle Hilfe von außen war das Ende der Rebellen von Ost-Aleppo nur eine Frage der Zeit.