Im New Yorker Umland denkt man anders

Hohe Mieten betreffen in New York fast jeden, doch anders als die "Working Poor" hat das Bildungsbürgertum wenigstens Perspektiven und Handlungsspielraum. Dem liberalen Amerika muss man also vorwerfen, in einer Blase zu leben. Um zu sehen, wie die Menschen im ruralen Amerika denken, hätte es genügt, nach Beacon, einem beliebten Ausflugsort eine Stunde außerhalb von New York City zu fahren: In der ehemaligen Industriestadt outeten sich viele Bewohner mit Schildern vor ihren Häusern als Trump-Fans, manche wiederholten gar Trumps Forderung, Hillary solle man verhaften.

Schwarze Trump-Wähler und Thanksgiving-Tipps

Unter den Afro-Amerikanern findet man weniger Trump-Unterstützer, aber auch hier gibt es sie. "Die Leute waren eben nicht zufrieden mit Obamas liberalem Kurs, der Homo-Ehe und all dem. Schauen wir mal, was Trump macht", sagt Colin Wilson, ein großgewachsener, stets gut gelaunter Schwarzer mit jamaikanischen Wurzeln.

Wie gespalten das Land ist, zeigt sich oft auch innerhalb der eigenen Familie: Die Hälfte ihrer Familie habe Trump gewählt, erzählt eine afro-amerikanische Uni-Mitarbeiterin. Sie selbst ist gegen Trump, weshalb die Stimmung zu Thanksgiving – dem wichtigsten amerikanischen Feiertag – sehr angespannt war. Die New York Times hatte kurz vor Thanksgiving Tipps veröffentlicht, wie man Diskussionen zwischen den beiden Lagern führen kann, ohne den Familienfrieden zu gefährden.

Niemand wagt es, am Status Quo zu rütteln

Interessant ist, dass diese politischen Grabenkämpfe meist im Sand verlaufen, da es niemand wagt, am Status Quo zu rütteln. Dieser sieht so aus: Trotz Obamacare zahlt man tausende an Dollars für Zahnbehandlungen. Die Mietpreise sind hoch (im Schnitt geben New Yorker Zweidrittel ihres Einkommens für die Miete aus, ein WG-Zimmer um 1000 Dollar gilt als Schnäppchen).

Fast alle bleiben nach dem Hochschulstudium auf einem Schuldenberg sitzen (ein Doktoratsstudent der Komparatistik mit 150.000 Dollar Schulden erzählte mir, er habe Angst, dass er, falls er keinen Job findet, obdachlos werden könnte). Findet man einen Job, hat man Anspruch auf zwei Wochen Urlaub pro Jahr, von denen jeder Krankenstandtag abgezogen wird. Anstatt in Mutterschutz gehen zu können, müssen sich Frauen unbezahlten Urlaub nehmen.

Kaum jemand will für Sozialleistungen mehr Steuern zahlen