US-Amerikaner leben in einem System, das nie anders war, und staunen, wenn Europäer von Arbeitslosen- oder Karenzgeld berichten. Trotzdem sind viele nicht bereit, für Sozialleistungen mehr Steuern zu zahlen. Wie kommt es, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten selbst Linke den Status Quo als scheinbar gottgegeben hinnehmen und ihre politischen Maßnahmen vornehmlich im privaten Raum setzt? Ist es Resignation? Ist es Bequemlichkeit?

Es reicht nicht, Trump-Piñatas zu basteln

Zumindest habe das Wahlergebnis den versteckten Rassismus und Sexismus offengelegt und gezeigt, wie fragil Demokratie ist, lautet nun das Mantra der Optimisten. Doch die wahre Hoffnung liegt darin, dass Amerika endlich aufwachen könnte. Denn so schwer es derzeit für viele zu glauben ist: Trump ist nicht die Wurzel allen Übels, sondern nur ein Symptom, und anstatt ihn, sollte man lieber die soziale Ungleichheit im Land bekämpfen.

Engagement außerhalb der sozialen Blase

Klar macht es mehr Spaß, mit Gleichgesinnten im Gemeinschaftsgarten und der Lebensmittelkooperative aktiv zu sein und sich für wiederverwertbare Kaffeebecher stark zu machen, als Trump-Anhängern zuzuhören und mit ihnen zu diskutieren. Doch politisches Engagement bedeutet eben auch, sich aus der sozialen Blase, in der mann es sich bequem gemacht hat, hinauszubewegen. Das zutiefst gespaltene Amerika braucht weder Trump-Piñatas, noch kämpferische T-Shirts. Was es baucht, ist der Dialog zwischen den Lagern.

Eine 33-jährige New Yorkerin, ihre Eltern stammen aus Pakistan, überlegt nun, selbst in die Politik zu gehen. "Eigentlich müsste man auf‘s Land ziehen, von Tür zu Tür gehen und mit den Menschen sprechen", sagt sie, und fügt hinzu: "Ich weiß aber nicht, ob ich dazu bereit bin."

"Gehe an unbekannte Plätze mit unbekannten Menschen. Knüpfe neue Freundschaften und marschiere mit ihnen", ist einer jener 20 Tipps, die der Historiker und Holocaust Experte Timothy Snyder nach der Wahl gab (siehe Box). "Es kann sich zuerst seltsam anfühlen, anders zu sprechen oder zu agieren. Aber ohne dieses Unbehagen gibt es keine Freiheit."