Jetzt ist die Nato in Europa nicht untätig, es werden Panzer und Soldaten ins Baltikum und nach Polen geschickt, um Russland abzuschrecken. Auf der anderen Seite provozieren russische Kampfjets entlang des Nato-Luftraums. Da ist doch unheimlich viel Konfliktstoff?

Das ist eine verfahrene Situation, aber ich glaube, dass die europäischen Staaten hier zentrale Beiträge leisten können. Wenn sich Trump und Putin gut verstehen, ist das fein. Und wenn das hilft, globale Probleme zu lösen, dann noch besser. Was Russland betrifft: Moskau äußert seit Jahr und Tag Bedenken, wo die roten Linien sind: Nato-Osterweiterung, Kosovo-Krieg, Irak-Krieg, Truppenstationierung in Europa, Libyen-Krieg, wo das Mandat der UNO überschritten worden ist, beziehungsweise das Mandat sehr ausgedehnt wurde. Denn Regimewechsel ist da nicht enthalten gewesen. Unabhängig davon, ob Gaddafi sympathisch ist oder nicht: Russland hat da entsprechende Bedürfnisse und hat unter dem damaligen Präsident Medwedew eine Helsinki-II-Akte vorgelegt, aber die europäischen Staaten haben darüber nicht diskutieren wollen. Obwohl da Selbstverständlichkeiten dringestanden sind, wie die Schaffung von sicherheits- und vertrauensbildenden Maßnahmen, Stärkung des Gewaltverbotes, Deeskalationsszenarien.

Europa bekommt jetzt von Russland die Rechnung präsentiert?

Auf der Krim ist ganz klar Völkerrecht durch Russland gebrochen worden, das ist nicht zu rechtfertigen. Ich bin großer Verfechter des Gewaltverbots der Vereinten Nationen. Aber: Wer hat das Gewaltverbot seit 1989/90 öfter gebrochen?

Die USA sicher zumindest nicht seltener.

Ja, Bruch oder zumindest Überdehnung. Auch die Reaktion auf die Terroranschläge von 9/11. Es ist lange diskutiert worden, ob das tatsächlich noch Selbstverteidigung ist, wenn die USA einen Monat später in Afghanistan einmarschieren.

Sind die Probleme mit Russland auch das Resultat eines westlichen Hochmuts? Francis Fukuyama hat ja 1989 das Ende der Geschichte postuliert?

Die Vereinigten Staaten haben sich etwas nach 1989/90 in einem unipolaren Moment gesehen. Jetzt müssen wir feststellen: Es gibt mehrere Pole. Einer davon sind die Vereinigten Staaten von Amerika, aber eben nur einer.

Keine Pax Americana.

Genau. Man muss sich nur die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ansehen. Da verliert der Westen Definitionsmacht in den internationalen Beziehungen. Trump ist es gewohnt, bilaterale Deals zu machen, aber wir sollten das multilaterale System, die UNO, stärken. Gerade in Krisen braucht es so ein System. Trump setzt sich mit irgend jemandem zusammen und löst die Probleme der Welt - das wird so nicht funktionieren.

Trump hat die UNO ja bereits als völlig unnötig abqualifiziert. Und es gibt Meldungen, wonach das Jahr 2016 den Beginn neuer globaler Aufrüstung markiert. Über den Konflikt im Südchinesischen Meer haben wir noch gar nicht gesprochen. Lässt das nicht die Alarmglocken schrillen?

Viele Konflikte hängen tatsächlich mit der Seidenstraßen-Strategie Chinas zusammen. Ich meine die maritime Seidenstraße. Da geht es um Kontrolle, wer sich dort bewegen darf und um Handelspolitik. Ein Drittel des Welt-Gütermarktes geht hier durch. Da entstehen nicht nur Häfen, sondern Infrastruktur im weitesten Sinne. Da treffen sich Geo-Ökonomie und Geo-Politik.

Die militärische Aufrüstung: Beunruhigt das den Friedensforscher?

Das ist in höchstem Maße beunruhigend. Wer Waffen hat, neigt dazu, diese zu gebrauchen, wenn die entsprechenden Akteure an die Macht kommen. Wer einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel.

Zur Person

Thomas Roithner

ist Friedensforscher und unterrichtet an der Universität Wien. Er publiziert zu Fragen der Außen-, Sicherheits-, Verteidigungs- und Friedenspolitik der EU und Österreichs.