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Somalia hat aufgrund einer schweren Hungerkrise den Ausnahmezustand über die betroffenen Gebiete verhängt. Präsident Mohamed Abdullahi Mohamed, genannt Farmajo, appellierte am Dienstag an die internationale Gemeinschaft sowie an die im Ausland lebenden Somalis, rasche Hilfe zu leisten, um eine humanitäre Tragödie zu vermeiden. Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte, sind nach einer anhaltenden Dürre mehr als sechs Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Drei Millionen Menschen sind dringend auf Lebensmittel angewiesen. Rund 360.000 Kinder gelten als schwer unterernährt, 70.000 sind akut vom Hungertod bedroht.

"Um das Risiko einer Hungersnot abzuwenden, müssen wir jetzt entschlossen und im großen Maßstab handeln", erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Mohamed Omar Arteh anlässlich einer UN-Konferenz zur Hungerkrise in Mogadischu. Mann könne nicht warten, bis die UN eine Hungersnot erklären, denn dann komme für viele Tausend Menschen jegliche Hilfe zu spät. Hilfsorganisationen erinnerten an die Hungersnot von 2011, bei der 260.000 Menschen starben.

Laut der UNO ist unmittelbar eine Milliarde Dollar zur Abwendung einer Katastrophe notwendig. Die WHO will ihren Einsatz in dem Land am Horn von Afrika deutlich ausbauen. Rund 1,5 Millionen Menschen solle künftig geholfen werden, teilte die Organisation am Montag mit.

Aufgrund der jahrelangen Machtkämpfe Somalia gibt es in Somalia mehr als eine Million Binnenflüchtlinge, 900.000 Somalis befinden sich in Äthiopien, Kenia und dem Jemen sowie in Uganda und Dschibouti. Als einheitlicher Staat ist Somalia schon seit längerer Zeit nicht mehr existent. Das vergleichsweise stabile Somaliland im Nordwesten verfügt über eine weitgehend eigenständige Verwaltung und ist de facto von der Regierung in Mogadischu unabhängig. Aus der Sicht der Regierung von Somaliland handelt es sich um keine Abspaltung, sondern um einen Austritt aus der 1960 - nach der Unabhängigkeit von Großbritannien und Italien - entstandenen Union.

Weitere große Gebiete wie Puntland im Nordosten sehen sich als Teilstaaten einer losen Föderation. In beiden Gebieten können Organisationen wie Save the Children mit Wasser, Wasserfiltern Medikamenten und Nahrung helfen.

Die Krise ist die Folge von einer Kombination von Klimaphänomenen und kriegsähnlichen Zuständen. Wie die NGO Oxfam schon bei der Hungersnot 2011 analysiert hat, hat die Krise vor allem drei Gründe:  die aktuelle Dürre, die Unzugänglichkeit vieler Gebiete aufgrund der militärischen Auseinandersetzungen und das Versagen der Regierung, die kaum in die grundlegende Infrastruktur und in ein soziales Netz inverstiert hat.

Hintergrund

Die schwachen Regenzeiten der vergangenen Jahre gelten als Folge des Klimaphänomens El Niño, das durch Wassererwärmung vor der Küste Perus den kalten Humboldtstrom erwärmt. Die Bevölkerung Ostafrikas ist jedoch nicht nur von der Dürre bedroht, sondern auch von militärischen Konflikten, die Hunderttausende aus ihren Siedlungsgebieten vertreiben. Notorisch ist in Somalia die islamisch-fundamentalistische Al-Shabaab-Miliz, die vor allem ländliche Gebiete kontrolliert. Das führt dazu, dass Hilfsorganisationen oft nur unter großem Risiko in den betroffenen Gebieten tätig werden können. Die Al-Shabaab setzt in den von ihr kontrollierten Gebieten auf eine Herrschaft durch Terror, die sich nur pro forma auf das islamische Scharia-Recht beruft, praktisch jedoch vor allem der Einschüchterung durch willkürliche Hinrichtungen, Amputationen und Auspeitschungen dient.

Beobachter der Vereinten Nationen haben darüber schwere Menschenrechtsverletzungen für alle an den Konflikten beteiligten Gruppen nachgewiesen. Morde, Vergewaltigungen, Rekrutierung von Kindersoldaten wurden sowohl von den islamischen Milizen Al-Shabaab und Hizbul Islam wie von deren Gegnern, den äthiopischen und kenianischen Truppen sowie Einheiten der Afrikanischen Union (AMISOM) und der Regierung begangen.

Dabei besteht diese Einteilung nur auf Papier. Tatsächlich sind viele Bewaffnete in Milizen organisiert, die auf der Basis traditioneller Clans aufbauen. Ihre Loyalitäten wechseln entsprechend den Interessen des jeweiligen Clans, und auch innerhalb von Bündnissen mit Al-Shabaab oder der Regierung verfolgen sie in erster Linie eigene Ziele.