Wien. Auf eine 2000-jährige Geschichte blicken die Christen im Irak. Derzeit eher zurück, denn der Blick nach vorne verheißt nicht viel Gutes. Lebten vor Beginn des Irak-Krieges im Jahr 2003 und dem dadurch bedingten Aufkommen sunnitischer Dschihadisten zwischen 800.000 und 1,2 Millionen Christen im Land, sind es heute nicht einmal mehr 300.000, schätzt der Erzbischof von Erbil, Baschar Warda. Die Päpstlichen Missionswerke Missio setzen die Zahl der Gläubigen mit bis zu 400.000 etwas höher an; ihnen zufolge leben 120.000 Christen als Vertriebene in Lagern, vor allem im kurdisch regierten Norden. Auch in Syrien haben Flucht und Vertreibung von Christen in den vergangenen Jahren enorme Ausmaße angenommen, rund zwei Drittel von ihnen hätten Warda zufolge das Land verlassen. Dem Christentum drohe in weiten Teilen des Mittleren Ostens "die Auslöschung", lautete die düstere Prognose der Deutschen Bischofskonferenz vergangenen Herbst.

Sleiman hofft auf Vertrauen und Rechtsstaat. - © Jenis
Sleiman hofft auf Vertrauen und Rechtsstaat. - © Jenis

So weit wollte Jean Benjamin Sleiman, römisch-katholischer Erzbischof von Bagdad, bei seinem Besuch in Wien am Mittwoch nicht gehen. Er sah sogar einzelne positive Entwicklungen im Irak: Der radikalislamische IS werde immer mehr zurückgedrängt, zudem erfahre der Irak auf dem internatonalen Parkett größere Bedeutung.

Dann folgten viele Aber: Wirtschaftlich sei das Zweistromland noch immer in der Krise, nicht einmal die Gehälter der Beamten könnten bezahlt werden, erzählte Sleiman. Erst im April rügte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel bei seinem Besuch im Irak die Gastgeber; von einem Kredit über eine halbe Milliarde Euro für Aufbauprojekte sei binnen zwei Jahren noch kein einziger Euro abgerufen worden.

Noch schwerer wiegen die politisch-religiösen Kalamitäten: Sleiman sieht eine "große Gefahr der Teilung" des Irak. Zwar verliert der IS an Boden. Seit Oktober vergangenen Jahres kämpfen irakische Einheiten, unterstützt durch US-Luftschläge, darum, die letzte großstädtische Hochburg der Dschihadisten zurückzugewinnen. Der IS hatte Mossul im Sommer 2014 erobert. Im Jänner wurde der Ostteil der Metropole befreit, im Westen konnten bisher nur einzelne Viertel zurückerobert werden. 400.000 Zivilisten sind in der eng bebauten Altstadt eingeschlossen, von Giftgasangriffen durch den IS und dem Missbrauch der Bürger als Schutzschilder ist die Rede.

"IS hat nichts Religiöses"