Und die Gefahr, dass brutalisierte IS-Kämpfer nach Europa zurückkommen, sehen Sie nicht?

Bis vor einem Jahr sind die ganz jungen Daesh-Kämpfer zurückgekommen. Die, die am wenigsten gefährlich sind. Wenn sie es überhaupt geschafft haben. Aber neben der Selbstradikalisierung sind die, die zurückkommen, ein enorm großes Problem. Manche Attentäter der Vergangenheit waren in Verbindung mit IS-Kämpfern. Sie wurden aus der Distanz geführt. Und sie waren sehr oft Kleinkriminelle: Autodiebstahl . . .

. . . Körperverletzung . . .

Unser Ansatz ist die generelle Prävention von Verbrechen. Es muss darum gehen, die Verbrechensquote allgemein zu senken. Das kann je nach lokalem Kontext völlig anders aussehen.

Es ist bei Experten und Buchautoren immer öfter die Rede von der "Generation Allah": Jungen Menschen mit muslimischem Hintergrund, die leicht zu radikalisieren sind.

Ich glaube an das alles nicht. Ich glaube an die Gefahr des gewalttätigen Extremismus. Die große Mehrheit der Muslime sind keine Extremisten. Wichtig sind integrative Maßnahmen. Wenn ich durch die Straßen gehe, dann mag ich es, dass wir in einer multi-ethnischen Gesellschaft leben. Bei dem Anschlag auf das Bataclan wurden so viele Muslime getötet. Zuletzt war ich in einem afrikanischen Land: Dort hat mir der Innenminister erzählt, dass es die Kinder reicher Eltern sind, die nach Europa gehen um zu studieren, die die Probleme machen. Die sind es, die radikalisiert zurückkommen.

Zuletzt hat Donald Trump seine große Rede über den Islam gehalten. Er sagt, die islamische Welt muss den Terror selbst bekämpfen. Was halten Sie von der Rede?

Ich kann nur sagen, dass die islamische Welt schon Teil des Kampfes gegen Terror ist. Sie könnten unter Umständen mehr tun.

Um an den Beginn zurückzukommen. Der IS wird den Krieg in Syrien verlieren. Wird das Schlachtfeld dann nach Europa verlegt?

Nicht nur nach Europa, sondern überall hin. Diese Terrororganisationen sind polymorph. Sie verwandeln sich in eine Untergrundorganisation.

Wie wahrscheinlich ist es, dass
Österreich Ziel eines IS-Anschlags wird?

Österreich ist ein wunderbares Land. Gerade wegen des hohen Lebensstandards und des friedlichen Lebens, das hier möglich ist, besteht ein Risiko. Denn Daesh mag so etwas nicht.

Zur Person

Jean-Paul Laborde

ist Exekutivdirektor des nach den Anschlägen von 9/11 gegründeten Ausschusses zur Bekämpfung von Terrorismus der UNO.