Seoul. Es war der elfte nordkoreanische Raketentest in diesem Jahr: Kurz vor den Feierlichkeiten zum amerikanischen Unabhängigkeitstag ließ Machthaber Kim Jong-un eine Missile vom Typ Hwasong-14, im Westen KN-14 genannt, in Richtung Japanisches Meer schießen. Die Rakete soll eine Höhe von 2802 Kilometern erreicht und ihr Ziel nach 39 Minuten Flugzeit exakt getroffen haben, vermeldete das staatliche Fernsehen. Jeder Punkt auf der Welt könne erreicht werden, brüstete sich das Regime.

Die US-Regierung und Japan verurteilten den Raketentest, der noch dazu knapp vor Start des G20-Gipfels stattfand. US-Präsident Donald Trump rief Nordkoreas einzigen wirklichen Partner, China, auf, dem Treiben ein Ende zu setzen. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe kündigte an, auf dem G20-Gipfel die Solidarität der internationalen Gemeinschaft einzufordern.

"Hat dieser Typ
nichts Besseres zu tun?"

Trump griff auf Twitter Kim Jong- un auf gewohnt launige Art an: "Hat dieser Typ nichts Besseres zu tun mit seinem Leben?" Es sei schwer zu glauben, dass sich Südkorea und Japan "das noch sehr viel länger bieten lassen". Vielleicht werde China einen "erheblichen Schritt" unternehmen, "und diesen Unsinn ein für allemal beenden". Tokio erklärte, solche wiederholten Provokationen seien absolut inakzeptabel: "Der Start einer ballistischen Rakete ist ein Verstoß gegen die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates."

Kim Jong-un habe den Test angeordnet und persönlich überwacht, meldete das nordkoreanische Staats-TV. Nach Angaben des japanischen und südkoreanischen Militärs schlug die Rakete 930 Kilometer vom Startpunkt entfernt in der 200-Meilen-Zone vor Japans Küste ein. Der Sicherheitsexperte David Wright von der in den USA ansässigen Wissenschaftler-Organisation "Union of Concerned Scientists" schrieb in seinem Blogbeitrag, die getestete Rakete könne eine Reichweite von etwa 6700 Kilometern erzielen. Das würde ausreichen, um Alaska zu erreichen.

Sanktionen der Vereinten Nationen verbieten es Nordkorea, Raketen zu testen oder zu entwickeln. Dessen ungeachtet hat die Führung in Pjöngjang seit Anfang des vergangenen Jahres Raketen in bisher nie dagewesener rascher Folge getestet. Auch Atombomben wurden getestet. Experten zufolge ist Nordkorea allerdings noch Jahre davon entfernt, eine Interkontinentalrakete tatsächlich mit einem nuklearen Sprengkopf bestücken zu können.

Südkoreas Präsident Moon Jae In berief den Nationalen Sicherheitsrat ein. Er sagte, dass das getestete Geschoß vermutlich "nur" eine Mittelstreckenrakete gewesen sei. Das Militär prüfe, ob es sich um eine Interkontinentalrakete handele. Peking rief zur Zurückhaltung auf. Die UN-Resolutionen hätten die nordkoreanischen Raketentests klar geregelt und China lehne es ab, dass gegen diese Regeln vorgegangen werde, sagt Außenamtssprecher Geng Shuang in Peking.

Japans Regierungschef Abe sagte, er werde beim Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer in Hamburg die Präsidenten von China und Russland aufrufen, beim Versuch, Nordkoreas Rüstungsprogramm zu stoppen, eine konstruktivere Rolle zu spielen. Xi Jinping und Wladimir Putin werden ebenso wie Abe und Trump in der Hansestadt erwartet. Japans Regierung hatte bereits am Montag einen Dreiergipfel mit Südkorea und den USA angekündigt, bei dem es um Nordkorea gehen soll.

Moskau meinte, Gespräche mit Nordkorea seien nun wichtiger denn je: "Man muss verhandeln, in den Dialog treten und Pjöngjang weniger provozieren, indem man einen Flugzeugträger an seine Grenzen verlegt", so der Duma-Abgeordnete Leonid Sluzki. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, es habe den Flug der angeblichen Interkontinentalrakete registriert. Demnach habe das Geschoss lediglich eine Höhe von 535 Kilometern erreicht, sei 510 Kilometer weit geflogen und im Japanischen Meer in den Ozean gefallen. Nach nordkoreanischer Darstellung hatte die Rakete hingegen eine Höhe von maximal 2802 Kilometern erreicht und war 933 Kilometer weit geflogen.

Erst vergangene Woche hatten Trump und sein südkoreanischer Kollege Moon in Washington über den Streit mit Nordkorea beraten. Trump forderte eine entschlossene Reaktion der Staaten in der Region. Er hat auch angedeutet, dass ihm langsam die Geduld mit China ausgeht, weil die Volksrepublik nach seiner Auffassung nicht genug Druck auf Nordkorea ausübt.

Der Test hat am Dienstag jedenfalls für Verunsicherung an den Börsen gesorgt. DAX und EuroStoxx50 fielen um je 0,1 Prozent auf 12.463 und 3487 Punkten und folgten damit den Märkten in Asien, die nach dem Raketentest ins Minus gerutscht waren. Die "Krisenwährung" Gold wurde dafür wieder stärker nachgefragt. Das Edelmetall verteuerte sich um ein halbes Prozent auf 1226 Dollar je Feinunze.

Nordkorea besitzt laut Bericht

20 Atomsprengköpfe

Laut Bericht des renommierten internationalen Friedensforschungsinstituts Sipri in Stockholm ist die Zahl der weltweiten Atomwaffen im vergangenen Jahr zurückgegangen. Demnach gingen die Bestände um 460 Nuklearwaffen zurück. Die im Bericht genannten neun Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea besitzen demnach insgesamt rund 14.935 Atomsprengköpfe; im vergangenen Jahr waren es noch etwa 15.395. Russland und die Vereinigten Staaten verfügen der Studie zufolge gemeinsam über 93 Prozent der Atomwaffen.