"Wiener Zeitung": Sie haben mehr als 20 Jahre als Investmentbanker gearbeitet und mit sogenannten Bonds gehandelt, also mit Wertpapieren, über die sich Staaten oder Unternehmen Geld am Finanzmarkt borgen. Was ist so schlimm daran?

Rainer Voss: Nichts. Es haben nicht alle Beteiligten böse Sachen gemacht, das betrifft nur bestimmte Teile des Geschäftes. Ich selbst habe nie etwas gemacht, das nicht in Ordnung war. Das liegt nicht daran, dass ich besser war als andere, sondern daran, dass ich in diese Richtung keinen Druck bekommen habe. Die Kunden, mit denen ich Geschäfte gemacht habe - BMW, Volkswagen und so weiter -, verstehen mehr von dem Bankgeschäft als Sie selbst, da kommen Sie gar nicht erst in die Situation, etwas moralisch Fragwürdiges zu tun.

"Der größte Spießer, den Sie je kennengelernt haben": Der geläuterte Investmentbanker Rainer Voss sieht den Prozentanteil von Soziopathen in seiner ehemaligen Branche bei 25 Prozent. - © Master of the Universe
"Der größte Spießer, den Sie je kennengelernt haben": Der geläuterte Investmentbanker Rainer Voss sieht den Prozentanteil von Soziopathen in seiner ehemaligen Branche bei 25 Prozent. - © Master of the Universe

Mit der Finanzkrise 2008 haben Sie Ihren Job dennoch gekündigt. In dem Dokumentarfilm "Master of the Universe" packten Sie über Ihre ehemalige Arbeit aus. Was war der Auslöser für diesen Wandel?

Viele meiner Kollegen hatten damals eine Art Epiphanie. Die haben plötzlich Licht gesehen, sind auf die Knie gefallen, haben ihre Sünden bereut und machen heute in den Pyrenäen Käse oder etwas Ähnliches. Das ist respektabel, doch bei mir war das anders. Ich habe mich nicht gegen das System gestemmt, sondern es hat sich von mir entfernt. Stellen Sie sich den größten Spießer vor, den Sie jemals kennengelernt haben: Das bin ich. Ich hatte immer schon meinen eigenen Wertekanon. Nie bekam ich die Anweisung, dagegen zu verstoßen. Um 2000 trat eine Art Zeitenwende ein, unsere Gesellschaft hat sich verändert. Die Soziologen nennen das Finanzialisierung - alle unsere Entscheidungen werden von monetären Aspekten bestimmt. So ist die EU keine Friedensunion, sondern jeder guckt, dass er mehr herausbekommt, als er einzahlt. Auch bei den Geschäften ging es nicht mehr darum, mit Kunden zusammen Lösungen zu finden, die beide Seiten zufriedenstellen, sondern wie bei einer Zitrone so lange zu pressen, bis alles ausgeschöpft ist. Ich habe mich nie verbogen, das System hat sich von mir entfernt. Ich bin ein ordentlicher Kaufmann, der am System gescheitert ist.

Wieso ist das alles ausgerechnet um 2000 losgegangen?

Das war ein langer Prozess, der 1986 global begonnen hat. Er hat eine bestimmte Zeit gebraucht, um auch in Europa seine Wirkung zu entfalten. Dann kamen noch äußere Aspekte dazu: Wir hatten damals in Deutschland die Finanzmarktreform, alle waren völlig verrückt nach Aktien, jeder Taxifahrer war mit dabei. Dieser Kapitalismus, diese Durchdringung bis in die letzte Phase unserer Existenz, hat damals Früchte getragen. Bei mir war das wie eine Grippe. Es hat länger als fünf Jahre gedauert, bis ich gesagt habe: Ich will das nicht mehr. Am Anfang begreift man das auch nicht, man spürt nur, dass da etwas nicht stimmt.

Vermissen Sie Ihr altes Leben trotzdem manchmal?

Nein.

Der Hedgefondsmanager John Paulson hat fast vier Milliarden Dollar mit der Wirtschaftskrise verdient. Wie denken Typen wie er?

Wir bewegen uns hier außerhalb von normalen Denkmustern. Wenn Sie die Finanzkrise verstehen wollen, müssen Sie eines akzeptieren: Es geht nicht um Geld. Geld bekommt irgendwann einen anderen Aggregatzustand. Wenn Sie zehn Milliarden haben, brauchen Sie kein Haus mehr in Südfrankreich, da haben Sie schon drei davon. Das Geld verliert seine ursprüngliche Funktion, es wird zum Fetisch. An der Uni bekommen wir beigebracht, dass Geld ein Wertaufbewahrungsmittel ist, ein Maßstab. Sie erzählen uns nicht, dass es auch ein Fetisch ist - Geld nimmt eine quasireligiöse Funktion ein. So denkt auch John Paulson. Da geht es um Allmachtsfantasien, um die Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen, um Schicksalsmanagement. Ein Schicksalsdompteur. Leute wie der glauben, die Welt in der Hand zu haben. Das lesen sie daran ab, wie viel Geld sie haben.

Andere Menschen spielen keine Rolle - das klingt nach einem Psychopathen.

Man kann darüber streiten, ob man es Psychopathologie oder Soziopathologie nennt - aber ja.

Im Film sagen Sie, dass Fonds die Staaten erpressen: Zuerst war es Griechenland, dann kämen Portugal, Spanien, Italien. Als Nächstes käme Frankreich, dann sei "game over". Ist diese düstere Prognose noch aktuell?

Nein. Der Film ist fünf Jahre alt. Die Sache mit der Erpressung funktioniert natürlich immer noch. Wären die Wahlen in Frankreich anders ausgegangen, dann wäre ich vielleicht bei meiner Äußerung geblieben.

Emmanuel Macron ändert alles?

Ja. Aber ersetzen Sie Frankreich durch Italien - an der Gesamtgemengelage hat sich nichts geändert. Die Vorstellung, dass die Schuldentragfähigkeit der Länder etwas mit Kennzahlen zu tun hat - also mit der Verschuldung im Vergleich zum Bruttosozialprodukt -, ist kompletter Blödsinn. Vielmehr ist das eine Frage davon, wie sie ihr Narrativ am Kapitalmarkt aufbauen. So hat etwa Venezuela eine Auslandsverschuldung von nur rund 60 Prozent des Bruttosozialprodukts. Nur: Das Land ist für den Kapitalmarkt eine No-Go-Area. Japan hingegen hat 220 Prozent, aber die haben eine stramm konservative Regierung, deshalb ist das okay. Und Griechenland ist erst aufgefallen, als Alexis Tsipras an die Macht kam, und nicht, weil sich an den Zahlen etwas geändert hätte. Die interessante Frage ist, wieso er dann plötzlich angeklagt wird, etwas nicht hinzukriegen.