500 Ex-Kämpfer leben in Mesetas. Camp-Sprecher Suárez (gelbes Shirt) gehörte einst zum Führungsstab einer Farc-Einheit. - © Lichterbeck (4)
500 Ex-Kämpfer leben in Mesetas. Camp-Sprecher Suárez (gelbes Shirt) gehörte einst zum Führungsstab einer Farc-Einheit. - © Lichterbeck (4)

Mesetas. "Das", sagt Julián Suárez, "ist ein Friedenskind." Er zeigt in Richtung einer jungen Frau, die in der Waschbaracke ein Baby einseift und abspült. Die Baracke wurde aus Holz und Kunststoffplanen zusammengezimmert und ist nach allen Seiten hin offen. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen, einige in Unterwäsche, sind hier, schöpfen Wasser aus Bottichen und gießen es sich über. Andere schrubben Kleidung. Sie alle sind ehemalige Guerilla-Kämpfer der Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens). "Das Baby dieser Compañera", sagt Suárez, "wurde hier im Camp geboren. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags mit der Regierung. Wir nennen solche Kinder Niños de la Paz."

Noch vor wenigen Monaten wäre diese Szene unmöglich gewesen. Den Farc-Frauen - ihr Anteil an den Kämpfern betrug 30 bis 40 Prozent - war es während des Kriegs gegen die Armee verboten, Kinder zu bekommen. Wurden sie dennoch schwanger, zwang man sie, abzutreiben oder ihre Kinder wegzugeben. Krieg und Kinder, das vertrug sich nicht.

Diese Zeiten sind vorbei. Die Farc haben ihre 8000 Kämpfer in Übergangscamps zusammengezogen. Hier sollen sie den Einstieg ins zivile Leben beginnen - und dürfen folglich auch Nachwuchs zeugen. Julián Suárez führt durch das Camp in der Gemarkung Mesetas, acht Stunden Autofahrt südlich von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Es ist mit 500 Ex-Kämpfern das größte der insgesamt 26 Farc-Lager.

Bereits bis Juni haben die Farc ihre Waffen abgegeben. Am Dienstag schloss Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos symbolisch den letzten Container mit den von den UN eingesammelten Gewehren ab: "Heute haben wir Adios gesagt zu den Waffen der Farc." Kolumbien werde nun "ein Land des Friedens". Nach jahrelangen Verhandlungen einigte sich die Guerilla 2016 mit der Regierung auf einen Friedensvertrag - 50 Jahre nach Beginn des bewaffneten Konflikts mit 260.000 Toten und knapp sieben Millionen Vertriebenen. Doch die Bevölkerung lehnte den Pakt in einem Referendum ab. Vor allem die Sonderjustiz stieß auf Widerstand, wonach auch für schwere Verbrechen nur maximal acht Jahre Freiheitsstrafe verhängt werden sollen; in der Regel zu verbüßen im Arrest auf ländlichen Farmen. Es folgten Nachverhandlungen. Das Volk wurde nicht mehr gefragt, der Kongress sagte Ja zum Abkommen.

"Der Frieden ist kompliziert", sagt Julián Suárez. Er trägt eine Tarnhose und das knallgelbe Trikot von Kolumbiens Fußballnationalteam. Bis vergangenen September gehörte er zum Führungsstab einer Farc-Einheit. Heute ist er Camp-Sprecher in Mesetas. Der eloquente 35-Jährige ist der Neffe des Ex-Farc-Kommandanten Víctor Julio Suárez, alias Mono Jojoy. Dieser war für seine Massaker an der Zivilbevölkerung berüchtigt und wurde 2010 bei einem Bombenangriff nicht weit von hier getötet. Julián Suárez stand 40 Meter von ihm entfernt und überlebte. Doch das Thema verschweigt Julián Suárez. Vielleicht möchte er nicht über diese Vergangenheit reden, die die Farc doch hinter sich lassen wollen. Denn das Vorhaben scheint schwieriger als gedacht.

Tristesse im Vorzeigeprojekt

Das Lager von Mesetas liegt an den Südausläufern der Anden. Hier beginnt eine schwüle Ebene mit ausgedehnten Rinderweiden und Palmölplantagen. Für ihr Camp haben die Guerilleros eine sanfte Hügellandschaft mit Waldstücken ausgesucht. Mehrere hundert Unterkünfte gruppieren sich um einen holprigen Fußballplatz. Einst war diese Gegend hart umkämpft, die Farc waren mit vier Fronten aktiv und kontrollierten weite Teile der Region. Deswegen griff die Armee oft aus der Luft an. Nun herrscht Frieden. Scheinbar.

Das letzte Stück zum Camp führt über eine verschlammte und zerlöcherte Piste. Organisiert hat den Besuch das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Es unterstützt die Kolumbianische Versöhnungskommission. Deswegen ist auch der Bischof von Granada mit dabei. Später wird der Kirchenmann lachend mit dem Marxisten Julián Suárez zusammensitzen. Ein Sinnbild für das neue Kolumbien?

Tatsächlich ist die Situation in Mesetas an einem kritischen Punkt angelangt. "Die kolumbianische Regierung erfüllt ihre Pflichten nicht", sagt Julian Suárez. "Wie zweifeln langsam an ihrer Ernsthaftigkeit." So stand kein einziges der versprochenen Gebäude, als die Farc-Kämpfer in Mesetas eintrafen. Also bauten die Guerilleros ihre Unterkünfte aus Bambus, Holz und Plastikplanen selbst. Doch das ist jetzt sieben Monate her, und seitdem ist nicht viel passiert.

Dabei sollte Mesetas einst ein Vorzeigeprojekt werden. Aber nun führt Suárez zu einer Küchenbaracke, in der auf einem Lehmherd gekocht wird. An anderer Stelle heben Ex-Kämpfer einen Kanal aus, damit Regenwasser abfließen kann. Andere sitzen vor ihren Hütten, lesen oder dösen. Drinnen, unter den Plastikplanen, sei es viel zu heiß, sagen sie. Zwar haben sich die Bewohner eingerichtet, züchten Schweine, haben eine Bibliothek. Aber vieles in Mesetas ist improvisiert und erinnert eher an ein Flüchtlingslager. Dabei hätten die Ex-Guerilleros laut Vertrag schon im April wissen sollen, wie ihre Zukunft aussieht.