Washington/Pjöngjang. Nach der Schockwelle, die Nordkorea mit dem mutmaßlichen Test einer Wasserstoffbombe international ausgelöst hatte, folgte am Montag bereits die nächste Hiobsbotschaft. Während Nordkoreas militärisches Muskelspiel weltweit auf das Schärfste verurteilt wurde und der UN-Sicherheitsrat über weitere Sanktionen gegen das Regime von Kim Jong-un beriet, sprach Seoul gestern von "kontinuierlichen" Anzeichen, wonach Pjöngjang erneut ballistische Raketen einschließlich Interkontinentalraketen testen könnte.

Als mögliche Daten nannten Verteidigungsministerium und Militärgeheimdienst den Staatsgründungstag am 9. September oder den Gründungstag der herrschenden Arbeiterpartei am 10. Oktober. Staatschef Kim Jong-un könnte die Feierlichkeiten jedenfalls zum Anlass nehmen, den USA vor Augen zu führen, dass die Raketen jederzeit die USA erreichen könnten, berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf eine Geheimsitzung des Außenpolitischen Parlamentsausschusses in Seoul.

Im Juli hatte Nordkorea erstmals den Test einer Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-14 vermeldet, auf die der UNO-Sicherheitsrat mit der Verhängung weiterer Strafmaßnahmen reagierte. Die Raketen flogen direkt über die japanische Insel Hokkaido und landeten im Japanischen Meer. Experten schätzen, dass die Rakete eine potenzielle Reichweite von 6700 Kilometern hat und damit theoretisch den US-Bundesstaat Alaska erreichen könnte. Zuvor hatte Pjöngjang bereits gedroht, die Insel Guam anzugreifen, auf der die USA mehrere Militärstützpunkte unterhalten.

Vor zwei Tagen folgte der nächste Affront. Das kommunistische Regime führte im Nordosten des Landes seinen sechsten und bisher größten Atomtest durch. Das Militär habe eine "zweistufige thermonukleare Waffe" mit "noch nie dagewesener Stärke" gezündet, mit der das Land seine Langstreckenraketen bestücken könne, verkündete die Sprecherin des nordkoreanischen Staatsfernsehens mit bebender Stimme.

Internationale Militärexperten sind noch dabei, zu prüfen, ob es sich tatsächlich um eine Wasserstoffbombe handelt - oder "lediglich" um eine "geboostete Spaltbombe" - also eine Art Zwischenstufe zur Entwicklung von Wasserstoffbomben.

Die Sprengkraft war jedenfalls enorm. Mit 50 bis 60 Kilotonnen war sie 9,8 Mal stärker als beim vorangegangenen Atomwaffentest im September 2016, berichtete Yonhap unter Berufung auf die für Erdbebenmessungen zuständige Meteorologische Behörde. Zum Vergleich: Die im August 1945 von den USA auf Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen. Selbst im 8000 Kilometer entfernten Deutschland wurden durch die Detonation ausgelöste seismische Signale registriert.