Die verbliebenen türkischen Oppositionszeitungen sind sich einig, dass es der Staatsführung in Ankara mit den Verhaftungen und Gerichtsurteilen darum geht, Druck auf Washington auszuüben. Im Fall des US-Pastors Brunson hat Erdogan tatsächlich einen Tauschhandel gegen Fethullah Gülen, der von den USA bisher wegen unzureichender Beweise nicht ausgeliefert wird, angeboten. Außerdem verübelt die Türkei den USA deren Unterstützung und Bewaffnung der kurdischen YPG-Miliz in Syrien, die Ankara als Gefahr für die nationale Sicherheit betrachtet. Hinzu kommt eine aus westlicher Sicht bedenkliche Annäherung der Türkei an Russland. Ankara hat kürzlich das russische Raketenabwehrsystem S-400 bestellt. In Washington wächst die Besorgnis, dass die Russen über die türkische Hintertür Einblick in Nato-Geheimnisse erhalten.

Zwar erklärte US-Präsident Donald Trump im September nach einem Treffen mit Erdogan, die Beziehungen beider Länder seien "so eng wie noch nie". Doch selbst die Erdogan-treue türkische Tageszeitung "Sabah" kommentierte, dass die Spannungen schwer und "strukturell" seien. Andere regierungsnahe Medien sprechen bereits offen davon, dass die Beziehungen sich dem Bruchpunkt nähern. Dabei sind die wirtschaftlichen Folgen der Visakrise bereits jetzt verheerend. Der Leitindex der Istanbuler Börse sackte teilweise um 4,7 Prozent ab, die türkische Lira verlor zwischenzeitlich 6,6 Prozent ihres Werts gegenüber dem Dollar.

Präsident Erdogan mäßigte sich zwar bisher nicht in seinem antiamerikanischen Ton, versuchte aber, die Schuld an der Krise dem US-Botschafter in Ankara, John Bass, zuzuschieben. "Wir betrachten ihn nicht als Botschafter der Vereinigten Staaten", sagte er jüngst. Der US-Regierung warf Erdogan vor, die strategische Partnerschaft mit Ankara für einen "frechen Botschafter" zu opfern. Doch die Sprecherin des State Department, Heather Nauert, stellte umgehend klar, dass der Botschafter die volle Rückendeckung der US-Regierung besitze.

Brisante Enthüllungen
über Erdogan?


Handelt Erdogan aus Unwissenheit, oder ist er schlecht beraten? Die nationalistische türkische Zeitung "Aydinlik" glaubt, dass er getrieben ist von der Angst, dass im demnächst startenden New Yorker Prozess gegen den türkisch-iranischen Goldhändler und Embargo-Verletzer Reza Zarrab brisante Enthüllungen zu einem internationalen Haftbefehl gegen ihn und seine Familie führen könnten. Es könnte sein, dass er deshalb nun versucht, durch Geiselnahmen von US-Bürgern dessen Freilassung zu erwirken.

In der Zeitung "Hürriyet" warnte US-Korrespondentin Cansu Camlibel, dass im politischen Establishment Washingtons praktisch niemand mehr zu finden sei, der sich gegen Sanktionen gegenüber Ankara ausspreche. Zwar sind sich die meisten Beobachter einig, dass beide Seiten in den nächsten Tagen versuchen werden, die Krise einzudämmen. Aber es werden Verletzungen bleiben. Die Türkei sollte sich auf harte Zeiten einrichten.