Wellington/Wien. (red) Was in Österreich so gut wie auszuschließen ist, wird in Neuseeland Realität: Dort stellen die Sozialdemokraten mit Unterstützung der Rechtspopulisten wohl den künftigen Premier. Und das, obwohl die Roten - analog zu Österreich - bei der Parlamentswahl nur auf Platz zwei gekommen sind. Die Wahl gewonnen haben Neuseelands Konservative unter Premier Bill English. Der geht aber trotz relativer Stimmenmehrheit leer aus und muss jetzt wohl für längere Zeit die Oppositionsbank drücken.

Regierungschefin wird die 37 Jahre alte Labour-Politikerin Jacinda Ardern. Eine politische Senkrechtstarterin, die offenbar wenig Berührungsängste mit Rechts hat und den Populisten Winston Peters von New Zealand First (NFZ) als Königsmacher nicht verschmäht. Auch Neuseelands Grüne sind mit an Bord.

Übereinstimmungen zwischen Labour und den Rechten gibt es zur Genüge. Ardern wie Peters wollen dem Kapitalismus "wieder ein menschliches Gesicht" geben, denn die bisherige Regierung hatte in den vergangenen neun Jahren eine strikte neoliberale Politik verfolgt. Was zwar hohes Wirtschaftswachstum zur Folge hatte, aber zu einem immer tieferen Graben zwischen Arm und Reich führte. Und: Sowohl die Rechtspopulisten als auch Labour wollen eine Beschränkung der Einwanderung. Beide machen Migranten für den drastischen Mangel an erschwinglichem Wohnraum verantwortlich. Zudem wollen sie erreichen, dass es künftig schwieriger wird, dass Ausländer - allen voran chinesische Großinvestoren - in Neuseeland Farmen kaufen können.

Die künftige Premierministerin ist die jüngste Labour-Vorsitzende seit Parteigründung vor 101 Jahren. Die Charismatikerin hat der Partei, die am Boden lag, zu einem blitzartigen Aufstieg verholfen. Die Zustimmungswerte kletterten zeitweise auf 44 Prozent. Es gab Jacinda-T-Shirts, Jacinda-Tragetaschen und Jacinda-iPhone-Hüllen zu kaufen. Innerhalb weniger Wochen mutierte sie von der einfachen Abgeordneten zum Superstar.

Steile Karriere


Ardern, eine studierte Kommunikationswissenschafterin, erregte während des Wahlkampfes in Debatten mit Premier English große Aufmerksamkeit. "Meine Generation wurde von Ihrer Regierung im Regen stehen gelassen", warf sie dem 55-Jährigen vor und punktete damit vor allem bei jungen Wählern. Anfang August reagierte sie empört, als sie bei einer Talkshow gefragt wurde, ob sie plane, Kinder zu bekommen. "Es ist absolut nicht zu akzeptieren, dass Frauen im Jahr 2017 diese Frage an ihrem Arbeitsplatz beantworten müssen."

Ardern begann schon sehr früh, sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Sie wurde in eine mormonische Familie hineingeboren, und brach als junge Erwachsene mit dem Glauben - weil die Mormonen ihr zu homophob waren. Dann legte die Tochter eines Polizisten eine steile politische Karriere hin. Nach eigenen Angaben trieb sie die Armut in ihrem Umfeld in die Politik.

Ardern engagierte sich früh in der sozialdemokratischen Jugendorganisation. Nach ihrem Studium arbeitete sie für Labour-Premier Helen Clark (1999-2008). Unter Premier Tony Blair fungierte sie auch bei der dortigen Labour-Partei als Beraterin.

Sich selber bezeichnet Ardern als "Politik-Nerd", der sich immer in der zweiten Reihe verortet habe. Daraus wurde nichts, als künftige Premierministerin steht sie jetzt im Rampenlicht.

In Neuseeland will Ardern zuerst umweltpolitische Fragen angehen. Denn obwohl Neuseeland 80 Prozent der Elektrizität mit erneuerbaren Energien erzeugt, produziert das Land unter den OECD-Staaten den zweithöchsten Grad an Klimagasemissionen. Kritiker machen dafür die Milchwirtschaft, ineffiziente Transportsysteme und emissionsstarke Industrien verantwortlich.