Washington. (leg) Der breite, offene Wagen. Der junge, gutaussehende Präsident. Seine schöne, glamouröse Frau. Die Fahrt durchs texanische Dallas. Die vielen winkenden Menschen am Straßenrand. Die Polizisten auf den Motorrädern, die den Präsidenten eskortieren. Der Triumphzug des Staatschefs in einer Stadt, die ihm nicht immer wohlgesinnt war. Dann das Einbiegen der Präsidentenlimousine in die Elm Street. Die letzten Worte. "Mr. President, man kann nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt", beugt sich die Frau des Gouverneurs John Conally zum hinter ihr sitzenden John F. Kennedy. "Nein, das kann man wirklich nicht sagen", antwortet dieser.

Kurz darauf - Schüsse. Drei? Oder gar vier, wie manche behaupten? Aus welcher Richtung? Von vorne, von hinten? Und wer war nun eigentlich der Täter? War es tatsächlich nur jener Lee Harvey Oswald, der der Öffentlichkeit kurz nach dem Attentat als Einzeltäter präsentiert wurde? Und warum wurde Oswald kurz darauf vom Nachtclubbesitzer Jack Ruby ermordet? Weil er auspacken hätte können? War nicht alles doch ganz anders? Steckte nicht der "tiefe Staat" dahinter, die Geheimdienste, die CIA? Oder jemand ganz anderer?

Der 22. November 1963 ist in gewissem Sinne die Mutter aller sogenannten Verschwörungstheorien. Es gibt zahlreiche Dokumentationen über die dramatischen Minuten in Dallas, Filme wurden gedreht - wie etwa Oliver Stones "JFK" aus dem Jahr 1991, in dem Schauspielstar Kevin Costner einen Staatsanwalt spielt, der die genaueren Umstände des Attentats aufklären will und der dabei immer wieder auf Widerstand staatlicher Stellen stößt. Dass in dem sogenannten Zapruder-Film, der das Attentat festhielt, Kennedys Kopf nach hinten geschleudert wird, während Oswalds Schüsse doch von hinten hätten kommen sollen, bewegt nicht nur die USA, sondern die Weltöffentlichkeit bis heute. Die Ermordung beförderte auch den Mythos um Kennedy, den jungen, gutaussehenden, reformorientierten Präsidenten, der alles besser gemacht hätte, wenn er nur gedurft hätte. Dass Kennedy in Wirklichkeit schwer krank war, dass auch ihm nicht alles gelang, geht dabei in der Rückschau oft unter. Sein mythenumrankter Tod machte den nur kurz regierenden Kennedy im öffentlichen Urteil zu einem der bedeutendsten Präsidenten in der Geschichte der USA.

FBI-Chef wurde vor Attentat auf Lee Harvey Oswald gewarnt


Die Theorien um das Attentat befördert hatte vor allem auch der Umstand, dass Geheimakten zum Fall Kennedy bis heute unter Verschluss sind. Stones Film hatte die Diskussionen über die Ermordung 1991 neu angestoßen, ein Gesetz verfügte daraufhin ein Jahr später die Veröffentlichung nahezu aller fünf Millionen Dokumente zu Kennedys Tod - ein Bruchteil davon fiel aber unter eine 25-jährige Geheimhaltungsfrist. Diese ist nun am 26. Oktober ausgelaufen, und US-Präsident Donald Trump hatte eigentlich angekündigt, alle Schleier des Geheimnisses zu lüften und endlich die Kennedy-Akten vollständig freizugeben. Trump hatte die Spannung auf Twitter mit einem Posting - "so interessant!" - zusätzlich erhöht.