Mossul. Die zehn Jahre alte Nadar liegt auf einer Krankenliege im Muharabeen-Spital in Ost-Mossul und bemüht sich, ein tapferes Mädchen zu sein. Sie ist eines von 18.000 Opfern, die bei der blutigen Schlacht um Mossul, der zweitgrößten Stadt im Irak, verletzt wurden. Ganz in Rot hat ihre Mutter Nadar sie eingekleidet: rotes Kleid, rote Hose und dazu passend eine rote Kunstwollmütze mit Schirmchen. Dazu Herzen. Überall Herzen: Am Kleid ist ein schwarzes Herz aufgenäht, auf der Schirmmütze ein rotes. Nadar muss jetzt wieder einmal die Zähne zusammenbeißen und die schmerzhafte Bewegungstherapie mitmachen. Wo einst ihr rechter Fuß ansetzte, ist nur mehr ein Stumpf. Es geschah am 4. April 2017: Eine Bombe - oder war es eine Granate? - schlug im Haus der Familie ein.

Bis heute weiß niemand, ob sie vom Islamischen Staat, der hier abfällig Daesh genannt wird, stammte oder von der irakischen Armee. Nadars Vater Mohammed wurde schwer verletzt, von den fünf Geschwistern der Zehnjährigen Nadar wurden zwei getötet. Eine Schwester und ein Bruder. Nadars Fuß wurde von einem Granatsplitter getroffen, ein weiterer Splitter drang in Nadars Unterkiefer ein. Nachbarn brachten sie ins Dschumhurijet-Krankenhaus, wo der Fuß amputiert wurde. Auch mehr als sieben Monate nach dem Bombeneinschlag kann Nadar wegen der Kieferverletzung nur flüssige Nahrung zu sich nehmen und nichts wirklich kauen. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es: Die Hilfsorganisation Handicap International plant, Nadar in die jordanische Hauptstadt Amman ins Spital zu bringen, wo man ihr Kiefer behandeln kann.

Nadars Vater Mohammed sitzt rechts von seiner Tochter auf einem Krankenbett. Die Physiotherapeuthin bringt ihm bei, wie er den Stumpf seines linken Beins so versorgt, dass er bald eine Prothese tragen kann. Müde und niedergeschlagen sitzt er da, der Krieg hat das Leben seiner Familie zerstört. Die Familie steht auch materiell vor dem Nichts: Ihr Haus ist komplett zerstört, daher leben derzeit vier Familien im Haus der Großeltern. Für die Ärzte des Dschumhurijet-Spitals, wo man ihn und Nadar im April eingeliefert hatte, hat er nur Bitterkeit übrig: Ihm selbst wurde dort das linke Bein über dem Knie amputiert. Stundenlang hätten ihn die Ärzte im Spital bluten lassen, sie haben ihm gesagt, dass zuerst die Daesh-Kämpfer und erst danach die Zivilisten behandelt werden. Doch nun, in Muharabeen-Spital, kann er wieder Hoffnung schöpfen. Er selbst kann auf eine Prothese hoffen, Tochter Nadar ebenso. Tochter Nadar lernt, wie man sich richtig auf Krücken bewegt.