Schicksale wie jene von Mohammeds Familie gibt es hier viele, Mossul ist eine von Krieg und Bürgerkrieg verwundete Stadt. Besonders die am Westufer des Tigris gelegenen Stadtteile gleichen in manchen Bezirken einem Trümmerfeld. Pockennarbige Häuserfassaden, die von Einschusslöchern übersät sind, Stahlbetonbauten, bei denen nach einem Bombeneinschlag Geschoßdecke auf Geschoßdecke fein säuberlich aufeinander geschichtet liegt, so als sei das zerstörte Gebäude ein Anti-Kriegs-Monument aus der Ära des Brutalismus. Schutt, ausgebrannte Autowracks, Trümmer. Der Detritus des Krieges. Es fehlt eigentlich nur mehr ein Transparent mit der Aufschrift: "Die Menschheit. Die Geschichte einer großen Enttäuschung."

EU-Hilfen für den Irak

Es waren ganze Wellen von Gewaltorgien, die die Stadt verheert haben: Schon nach dem Einmarsch der US-Armee im Jahr 2003 war Mossul im Nordwesten des Landes eines der gefährlichsten Pflaster für die G.I.s. Hier war eine Hochburg der Sunniten, die sich von der neuen schiitisch dominierten Regierung in Bagdad nicht vertreten fühlten und daher anfällig waren für die Propaganda des Islamischen Staats. Im Juni 2014 wurde Mossul, auf deren Boden sich einst die Mesopotamische Metropole Nineve befand, vom IS übernommen. Daesh (IS) errichtete ein Schreckensregime, das Jahre andauern sollte. Im Oktober 2016 begann dann die Offensive der irakischen Armee und der schiitischen Al-Haschd-asch-Schabi-Milizen gegen Daesh. Die Kämpfe dauerten bis zum 21. Juli 2017 an, es war ein brutaler, blutiger Häuserkamp um jedes Haus, jeden Block, Mann gegen Mann. In der großen Al-Nuri-Moschee aus dem 12. Jahrhundert hatte IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi einst das "Kalifat" verkündet, die Rückeroberung der Stadt markierte im Sommer das Ende von Daesh im Irak.

Javier Rio Navarro ist der Leiter des Büros von ECHO im Irak (European Civil Protection and Humanitarian Aid Operations). Die EU hat seit dem Jahr 2015 rund 350 Millionen Euro in die humanitäre Hilfe im Irak investiert, und der Spanier Navarro war einer der treibenden Kräfte für einen neuen Ansatz in der Hilfeleistung. Feldlazarette wurden oft nur ein paar hundert Meter hinter der Front errichtet, man baute Flüchtlingscamps, noch bevor die Offensive der irakischen Armee gegen Daesh begann und der Flüchtlingsstrom einsetzte. "Jetzt, nach dem Ende der Kämpfe, ist die Lage einigermaßen stabil, auch wenn die Unterschiede zwischen dem weniger betroffenen Ostteil der Stadt und dem in weiten Teilen in Trümmern liegenden Westteil Mossuls groß sind", sagt Navarro.

Katherine Bequary von der NGO New York City Medics erklärt, warum die Helfer so nah am Kampfgeschehen aktiv waren: "Es gibt das Konzept der sogenannten ‚goldenen Stunde der Rettung‘, die besagt, dass man rund eine Stunde zur Versorgung des Patienten hat, ehe sich der Zustand radikal verschlechtert. Wir konnten oft schon 15 Minuten, nachdem eine Granate eingeschlagen ist oder ein Scharfschütze auf Menschen geschossen hat, medizinisch intervenieren." Die New York Medics operierten in Behelfslazaretten, eingerichtet in ausgebombten Ruinen und nicht wenige Male einfach unter freiem Himmel.

Lise Grande, UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe im Irak, ist zufrieden über diesen "Risiko-Appetit" der Helfer. "Es war jedes mal dasselbe: Ein militärischer Fortschritt war gleichzeitig eine humanitäre Katastrophe", sagte sie vor einer Gruppe Journalisten unter anderem vom "Corriere della Sera", der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Wiener Zeitung" im Hotel Al Mansour in Bagdad. "Je näher man die Hilfe an die Menschen heranbringt, umso effizienter ist sie."