Die Herausforderungen sind enorm, Mossul ist eine der größten und schwierigsten Hilfsmissionen im Nahen Osten, die Flüchtlingsbetreuung ist eine Herkulesaufgabe. Die Zahlen sprechen für sich: 5,8 Millionen Irakis sind seit Jänner 2014 auf der Flucht, 2,6 Millionen konnten bisher zurückkehren. 3,2 Millionen Irakern steht der Weg zurück bisher nicht offen - entweder sind ihre Häuser zerstört oder die Lage in ihrer Herkunftsregion erscheint den Menschen zu gefährlich. 700.000 Irakis leben in einem der 90 Flüchtlingslager. Aber die irakische Regierung hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis zu den Wahlen im Mai 2018 sollen 2,5 Millionen Menschen zurückkehren. Die UN halten diesen Plan für "sehr ambitioniert", wie es aus Kreisen der Vereinten Nationen in Bagdad heißt. Die UN-Experten gehen davon aus, dass 2018 1,7 Millionen Menschen in ihre Häuser zurückkehren werden, 1,5 Millionen Iraker aber weiter in Camps oder in Dörfern und Städten außerhalb ihres Heimatorts leben müssen. Immerhin: Die Finanzierung ist im Fall des Irak einfacher als bei anderen humanitären Katastrophen. "Typischerweise müssen wir für unsere humanitären Missionen der Vereinten Nationen um Geld regelrecht betteln. Im Irak ist das anders. Denn wir sagen den Geberländern: Ihr seid Konfliktpartei, ihr müsst zahlen", sagt Grande. Schließlich hätten Länder wie Großbritannien oder die USA am Kampfgeschehen aktiv teilgenommen. 2017 standen rund 985 Millionen Dollar zur Verfügung, 2018 werden 550 Millionen Dollar benötigt. Der Generalsekretär des irakischen Ministerrats, Mahdi M. Al Alak, betont die moralische Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft zur Hilfe für den Irak: "Das Land hat große Opfer gebracht, um Daesh zu besiegen. Wir hoffen, dass nach dem Sieg 2018 das Jahr der Stabilisierung des Irak sein wird", sagt Al Alak und betont die Bedeutung von Versöhnungsmaßnahmen.

Kommt Mossul wieder hoch?

Während die kleine Schayma das Licht der Welt erblickt, ... - © Wiener Zeitung, Thomas Seifert
Während die kleine Schayma das Licht der Welt erblickt, ... - © Wiener Zeitung, Thomas Seifert

Ob Mossul jemals wieder auf die Beine kommt? In weiten Teilen der Stadt kommt kein Trinkwasser aus den Leitungen. In Bezirk Hadschi ar Rafa’I nicht weit vom linken Tigris-Ufer entfernt wird unter der Anleitung von Mauled Warfar vom UN-Kinderhilfswerk Unicef mit Hochdruck an der Verlegung neuer Wasserleitungen gearbeitet. Rund fünf Millionen Liter Trinkwasser werden derzeit in die Stadt geliefert, um dort rund 600.000 Menschen zu versorgen, sagt der Unicef-Mann. Erst wenn es wieder Wasser und Strom und die allernotwendigste Infrastruktur gebe, wären die Menschen auch bereit, in ihre Häuser zurückzukehren.

... sorgt Warfar in Mossul für den Wiederaufbau des Wasserleitungssystems. - © Wiener Zeitung, Thomas Seifert
... sorgt Warfar in Mossul für den Wiederaufbau des Wasserleitungssystems. - © Wiener Zeitung, Thomas Seifert

Jassin Mohammad hütet unweit der Wasserleitungs-Baustelle gemeinsam mit seiner Frau Haus und Besitz - Kinder und Enkelkinder sind vor den Kämpfen geflohen und noch nicht zurück in Mossul. Die Familie scheint vor dem Krieg wohlhabend gewesen zu sein: Haus mit Garten, feines Porzellan in den Kästen. Sie hatte einen Bekleidungsladen am Bazar in der Altstadt. Haus, Möbel und Geschirr haben den Krieg heil überstanden, genauso wie Jassin und seine Frau - "al-Hamdu li-Llah, Allah sei Dank". Der Krieg ist zwar vorbei, der Reichtum der Familie ist aber dahin: Das Auto zerstört, das Geschäft in der Altstadt ebenso. Wer in Mossul reich war, hat oft alles verloren, und wer arm war, kämpft nun ums nackte Überleben. Nach dem Abzug des IS fürchtet Jassin nun Rachemorde: "Ich sehe schwarz für die Zukunft. Nun ist die Zeit, wo Rechnungen beglichen werden, die Spirale der Gewalt wird sich weiterdrehen." In der Nachbarschaft von Jassins Haus ist es gespenstisch ruhig, es gibt so gut wie kein Leben auf den Straßen.

Im Lager Hadsch Ali

Ganz anders die Atmosphäre im Flüchtlingscamp Hadsch Ali rund 85 Kilometer südlich von Mossul. Hier leben 5765 Familien, insgesamt 26.231 Menschen. Kinder spielen auf den Steinpisten, es gibt einen Volleyballplatz, einen Spielplatz für Kinder, einen Bazar, Wasserstellen und Latrinen. Die Menschen leben zwar in Zelten, aber immerhin sind sie versorgt - regelmäßig werden Essensrationen, Kleidung und Hausrat verteilt.

Die Zahl der Camp-Bewohner sei nach den militärischen Operationen in Tal Afar und Mossul angeschwollen, erzählt Camp-Managerin Caroline Logan von der Internationalen Organisation für Migration (IOM), sobald sich die Lage etwas entspannt hat, habe sich Hadschi Ali dann wieder etwas entleert.

 Zuhause gibt es nichts mehr

Haifa Ismail (30), die vor sechs Monaten mit ihren fünf Kindern aus dem Dorf Scheich Hamed nach Hadschi Ali geflohen ist, denkt allerdings nicht an Rückkehr. Zuhause gibt es nichts mehr, hier könne die Familie in Sicherheit leben und sei versorgt. Dass es im Lager kaum Arbeit gebe und dass die Kinder nicht regulär zur Schule gehen können - das seien die zwei größten Probleme. Haifa muss sich alleine um ihre Kinder kümmern, ihr Mann wurde bei der Flucht aus dem von Daesh besetzten Gebiet von einem Dschihadi-Kämpfer erschossen, sagt sie. In Scheich Hamed lebte die Familie davon, dass Haifas Mann mit dem Taxi fuhr, gemeinsam bewirtschafteten sie einen kleinen Bauernhof. Doch bald nach der Machtübernahme durch Daesh musste die Familie das Auto verkaufen, um an Geld zu kommen. Das Leben in der IS-besetzten Zone wurde von Monat zu Monat schwieriger. Das Geld wurde immer knapper und reichte bald nicht mehr, um etwa Kleidung für die Familie zu kaufen. Die Schulen wurden vom IS geschlossen, also gab es für die Kinder keinen Unterricht mehr. Dabei war am Anfang die Begeisterung für den IS bei vielen Bewohnern des Dorfes groß, erzählt Haifa. Viele Männer aus Scheich Hamed hätten sich zu Beginn Daesh angeschlossen. Für deren Familien habe es ein monatliches Gehalt, Benzin und Essen gegeben. Wer sich hingegen dem strengen Regiment von Daesh widersetzte, musste mit harten Konsequenzen rechnen: Eine Frau, die die strengen Bekleidungsvorschriften missachtet hatte, habe 18 Stockhiebe erhalten. "Frauen durften sich auch nicht mehr ohne männliche Begleitung aus dem Haus", sagt Haifa.