Washington. (wak) "Du bist nur ein Kind. Ich bin der Staatsanwalt von Etowah County. Niemand wird dir glauben, wenn du etwas sagst."

Bevor er diese Drohung aussprach, hat der damals 30-Jährige der 16-jährigen kellnernden Schülerin angeboten, diese von ihrer Arbeitsstelle, dem Diner, nach Hause zu fahren, nachdem ihr Freund nicht erschienen war. Aber stattdessen parkte der 30-Jährige das Auto auf einem Schrottplatz, fing an, das Mädchen zu begrapschen, und versuchte ihren Kopf in seinen Schoß zu pressen. Das erzählt zumindest Beverly Young Nelson. Sie ist inzwischen die fünfte Frau, die davon berichtet, von diesem damaligen Staatsanwalt sexuelle Avancen in der einen oder anderen Form erhalten zu haben. Alle fünf Frauen waren damals zwischen 14 und 16 Jahren, der Staatsanwalt war mindestens 30.

Roy Moore, der Jurist von damals ist heute 70 Jahre alt und der republikanische Kandidat für einen Senatssitz in Alabama. Es ist übrigens jener Senatssitz, der frei geworden ist, weil der Republikaner Jeff Sessions als Justizminister von Donald Trump einberufen worden war. In dem 100 Sitze zählenden Senat halten die Republikaner mit - noch - 52 Mandaten eine hauchdünne Mehrheit. Und nicht einmal sie stimmen alle für die Pläne des US-Präsidenten. Donald Trump braucht aber den Senat, um seine ehrgeizige Steuerreform durchzubringen. Mit einem Demokraten auf dem neuen Sitz - die Wahlen finden am 12. Dezember statt - würde es für Trump nur noch schwieriger werden. Am Dienstag stand eine wichtige Entscheidung im Haushaltsausschuss des Senats in Sachen Steuerreform an.

Man brauche jemanden, der bei Kriminellen hart durchgreife, fabulierte Trump, als er zu seiner Meinung über die Senatswahlen in Alabama gefragt wurde. Der demokratische Kandidat Doug Jones sei äußerst sanft und zurückhaltend bei Verurteilungen Krimineller gewesen. Nur der republikanische Kandidat, also Moore, würde die notwendige Härte aufbringen.

Wer brauche jemanden, der hart gegenüber Kriminellen ist, wenn man selbst gleich den Kriminellen haben kann, höhnte es darauf bei den zahlreichen Protesten zurück: Denn jemand, der Minderjährigen nachstellt, macht sich des sexuellen Missbrauchs strafbar. Davon, dass Moore keinen Zweifel am Alter von Beverly Young Nelson hatte, zeugt die Tatsache, dass er vor dem Vorfall als Gast im Diner ihr Jahrbuch mit seiner Unterschrift, plus "D.A." - "District Attorney", signierte, und zudem hineinschrieb, dass sie ein gut aussehendes Mädchen sei.

Republican National Committee lässt Moore fallen

Moore bestreitet die Anschuldigungen. Trumps Position war lange Zeit: Man müsse ihm Glauben schenken. Doch inzwischen sind die Proteste zu laut geworden. Am Montag entschied Trump, nun doch nicht persönlich für Moore den Wahlkampf zu bestreiten.

Trump ließ stattdessen über seine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders ausrichten, er habe keine Zeit, nach Alabama zu reisen. Das Republican National Committee hatte zuvor beschlossen, Moore nicht weiter finanziell zu unterstützen.

Bei den Demokraten ist bekanntlich Al Franken, der schon im Besitz eines Senatssitzes (Minnesota) ist, unter Beschuss gekommen. Die Schauspielerin und Musikerin Leeann Tweeden beschuldigte den Senator und Ex-Komiker Al Franken, ihr 2006 (vor seiner politischen Karriere) im Vorfeld eines gemeinsamen Auftritts vor Soldaten in Afghanistan zu nahe gekommen zu sein und sie auf dem Rückflug begrapscht zu haben, während sie schlief. Daraufhin haben sich mehrere Frauen gemeldet, die ebenfalls von Übergriffen berichteten. Der 66-Jährige entschuldigte sich. Es sei ihm peinlich, und er würde sich schämen. Er denke aber nicht daran, zurückzutreten. Das Ethik-Komitee werde sich der Sache annehmen, und er werde "voll kooperieren". Er freue sich schon, nach einer kurzen Periode, in der er sich zurückgezogen hatte, diese Woche wieder arbeiten zu gehen.