Wien. Der sozialkritische indische Essayist und Schriftsteller Pankaj Mishra setzt sich in seinem jüngsten Buch "Age of Anger" mit der Geschichte der Wut auseinander. Gibt es eine Verbindung zwischen den Anarchisten des 19. und 20. Jahrhunderts und den Dschihadisten des IS? Woher kommt die populistisch-demagogische Welle von Donald Trump über den Brexit bis hin zum Siegeszug autoritärer Führungsfiguren quer über den Globus?

"Wiener Zeitung": Sie schreiben in Ihrem Buch "Das Zeitalter des Zorns" über den Islamischen Staat (IS). Der IS ist nun im Irak und Syrien besiegt. Welche Lehren lassen sich aus der Phase des Siegeszugs des IS in den Jahren von 2014 bis 2017 ziehen?

Pankaj Mishra: In diesem Buch habe ich prognostiziert, dass der IS kein dauerhaftes Phänomen sein wird. Denn auf der destruktiven Energie des IS ließ sich nichts aufbauen. Im Westen hat man den Fehler gemacht, den IS mit dem Studium islamischer Theologie verstehen zu wollen. Doch das führt in die Irre. Denn um den militanten Islam zu verstehen, nützt das Studium des Koran recht wenig. Genauso wenig nützt es, den Hinduismus zu studieren, um militante Hindu-Nationalisten zu verstehen. Und das Lesen buddhistischer Texte hilft auch nicht beim Verständnis militanter buddhistischer Gruppen in Sri Lanka oder Burma/Myanmar. Die Kämpfer, die in Extremistengruppen aktiv sind, haben aber Gemeinsamkeiten: Es handelt sich dabei meist um junge Männer, die das Gefühl haben, ihre Potenziale nicht verwirklichen zu können, und bei denen sich die Zukunftshoffnungen auf Wohlstand und ein gutes Leben nicht erfüllen lassen. Es geht nicht um einen Kampf der Zivilisationen zwischen dem Islam und dem Westen. Das Problem ist vielmehr die Moderne selbst, die immer wieder problematische Phänomene hervorgebracht: Rechtsextreme Bewegungen, genozidäre Bewegungen, imperialistische Bewegungen, Terrorismus. Genauso wenig sollten wir überrascht sein, dass unsere Zeit jemanden wie Donald Trump hervorgebracht hat, der auf allen möglichen Prinzipien herumtrampelt und die Gründungsideale der USA verrät. Während der Rest der Welt im 20. Jahrhundert durch eine blutige und turbulente Phase gegangen ist, hatten die USA schlicht Glück. Sie hatten im 19. Jahrhundert durch Expansion ein riesiges Territorium erlangt, die beiden Weltkriege haben im 20. Jahrhundert alle anderen Mächte massiv geschwächt. Jetzt scheint sich diese Glücksepoche für die Vereinigten Staaten dem Ende zuzuneigen.

Welche Lehren lassen sich aus der Geschichte ziehen?