Nikosia. Ende Oktober trat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mit einer erstaunlichen Botschaft an die Öffentlichkeit. Er klagte über die Baupolitik in Istanbul, die das Stadtbild verschandelt habe. "Wir haben Istanbul betrogen. Auch ich selbst bin dafür verantwortlich." Vor wenigen Tagen regte er ein Gesetz an, wonach kein Haus in der Türkei mehr höher als fünf Stockwerke werden dürfe. Wie ernst das gemeint ist, sei dahingestellt, denn die Bauwirtschaft, die Istanbul während der Regierungszeit von Erdogans islamisch-konservativer AKP mit hunderten Hochhäusern und einer Reihe sogenannter Mega-Projekte wie einer neuen Brücke über den Bosporus versah, wurde unter Erdogans Ägide zum wichtigsten Motor der türkischen Wirtschaft. Am westlichen Rand der Metropole entsteht gerade ein riesiger neuer Flughafen, daneben eine Satellitenstadt für eine Million Einwohner, und im ganzen Land werden neue Wohnblocks, Moscheen und Einkaufszentren errichtet.

Doch es mehren sich Stimmen, die ein Ende des Baubooms prognostizieren. Die Mega-Industrie könne vor einer Mega-Krise stehen, warnte Ali Agaoglu, der bekannteste Baulöwe der Türkei. Der Multimillionär und Erdogan-Freund sprach vor einer drohenden Pleitewelle im Bausektor, vor allem bei Immobilien. "Die Preise fallen, während die Land- und Baukosten steigen", sagte er. Die erzielbaren Mieten seien zu gering - es gebe eine "ernste Stagnation". "Um die Räder am Laufen zu halten, werden einige Unternehmen sich einen Finger, andere einen Arm abschneiden müssen." Seine Firma habe bei einem Bauentwicklungsprojekt in Istanbul bereits erhebliche Preisnachlässe gewähren müssen, sagte Agaoglu. Profit mache er nur noch, weil er die Grundstücke vor Jahrzehnten günstig erworben habe.

Auch andere Parameter geben Anlass zur Sorge. Während die Zahl der Firmenpleiten in der Türkei in den ersten zehn Monaten des Jahres laut Daten der Union der Kammern und Börsen (TOBB) allgemein um 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahr anstieg, waren es im Bausektor 121 Prozent. Wegen des Wertverlustes der Lira, der im letzten Jahr gegenüber dem Dollar rund 20 Prozent betrug, der zweistelligen Inflation von 13 Prozent und anhaltender politischer Spannungen rechnen Experten mit einer Fortsetzung des Negativtrends.

Problem mit Dollarkrediten

"Ich glaube zwar nicht, dass große Baukonzerne betroffen sind, aber kleine und mittlere Unternehmen haben ernste Probleme. Der Sektor ist deutlich überdehnt", sagt der Istanbuler Ökonom Emre Deliveli, früherer Kolumnist der Zeitung "Hürriyet".