Die Erlebbarkeit religiöser und historischer Mythen in Jerusalem macht die Stadt für Touristen, auch für agnostisch eingestellte, ungemein faszinierend. Im Bereich der Politik ist es jedoch gerade diese Beladenheit mit Mythen, mit Wahrheitsansprüchen, die Jerusalem zu einem - Optimisten würden sagen: fast - unlösbaren Problemfall machen. Seit Beginn des Nahostkonflikts war die Stadt der zentrale Streitpunkt zwischen Israelis und Palästinensern. Sowohl jüdische als auch arabische Gruppen beanspruchten Jerusalem als Hauptstadt ihres jeweiligen Staates.

Der Teilungsvorschlag der Vereinten Nationen von 1947, der vorsah, auf dem Gebiet des heutigen Israel einen vorwiegend jüdischen und einen palästinensischen Staat zu schaffen und Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen, wurde nie umgesetzt: Die arabischen Staaten betrachteten ihn als einen unzumutbaren Verzicht auf einen Teil des "Dar al-Islam", des islamischen Territoriums. Im bald folgenden Unabhängigkeitskrieg von 1948, der zur Staatsgründung Israels führte, und im Sechs-Tage-Krieg von 1967 trug das von mehreren arabischen Staaten angegriffene Israel den Sieg davon.

Ost-Jerusalem, der Stadtteil mit den Heiligen Stätten, ist seit 1967 unter israelischer Kontrolle - seither können Juden wieder an der Klagemauer beten. Den Tempelberg selbst mit dem Felsendom kontrollierten weiter die Muslime. Von Harmonie konnte aber nie eine Rede sein. Es ist ein Waffenstillstand auf Zeit.

Streit um Tempelberg

Angesichts dieser Konfliktgeschichte und der Tatsache, dass sich auf dem Tempelberg die Konflikte der abrahamitischen Weltreligionen Judentum und Islam auf wenigen Quadratmetern verdichten, kommt dem Tempelberg eine besondere Bedeutung zu. Ein Fehltritt am heiligen Ort kann Jahre der Krise heraufbeschwören. Wie etwa im Jahr 2000. Damals hatte der Likud-Politiker Ariel Scharon, noch als Oppositionsführer, demonstrativ den Tempelberg besucht - ein Schritt, der von palästinensischer Seite als nicht hinnehmbare Provokation angesehen wurde. Ein jahrelanger Aufstand, die zweite Intifada, brach aus. Mehr als 3000 Palästinenser und 1000 Israelis kamen während viereinhalb Jahren ums Leben. Im Herbst 2015 löste ein Streit um Nutzungs- und Besuchsrechte des Plateaus erneut eine Gewaltwelle aus, es gab tödliche Messerattacken auf Israelis. Gerade in letzter Zeit bekommen radikale Kräfte auf beiden Seiten Aufwind. Während im arabischen Lager Antisemitismus und Islamismus grassieren, gibt es auf israelischer Seite vereinzelt Initiativen, die den Bau eines dritten Tempels auf dem Gelände des Felsendomes befürworten.

Rare Stimmen der Vernunft

Doch noch gibt es sie, die Stimmen der Vernunft, die in Nahost zu Deeskalation und zur Versöhnung aufrufen. Sie sind zwar leise, aber vernehmbar, auch wenn die Ideen angesichts der politischen Entwicklungen hoffnungslos illusorisch klingen. So bemüht sich Israels berühmtester Schriftsteller Amos Oz mit Nachdruck um eine Verständigung. In seinem Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", das ins Arabische übersetzt wurde, beschreibt er seine eigene Kindheit in Jerusalem zur Zeit der Gründung des Staates Israel. Oz ist der festen Überzeugung, dass Juden und Araber gar keine andere Wahl haben, als "als unglückliche Familie eine Form von Koexistenz zu finden". Als Vorbild sieht er die Entwicklung des deutsch-französischen Verhältnisses nach dem Zweiten Weltkrieg. "Dass Deutschland und Frankreich, einstmals Erbfeinde, zu engen Partnern in Europa werden, hätte vor 70 Jahren niemand für möglich gehalten", gibt Oz die Hoffnung nicht auf. Vor zehn Jahren war er zu Gast bei "Literatur im Nebel" im niederösterreichischen Heidenreichstein. Es gelte, den Fanatismus zu bekämpfen , sagte Oz damals. Sollte irgendwo ein Lehrstuhl für Vergleichende Fanatismusforschung zur Ausschreibung kommen, würde er sich sofort für den Posten bewerben.