Bogotá/Wien. Die Amtszeit von Juan Manuel Santos geht zu Ende. Der kolumbianische Präsident darf nach zwei Legislaturperioden an der Spitze des Staates nicht noch einmal kandidieren. In wenigen Monaten, im Mai 2018, werden die Karten im südamerikanischen Staate mittels Präsidentschafts- und Parlamentswahlen neu gemischt. Und das Ergebnis dieser Wahlen könnte das friedliche Miteinander in dem Land ein Stück weit in die Ferne rücken lassen. Konkret bedroht ist der Friedensprozess, der sich nach dem Abkommen mit der linksgerichteten Guerilla-Farc eröffnet hat.

Zur Erinnerung: Die Farc hatte sich vor über 50 Jahren aus einer Selbstverteidigungsgruppe heraus gegründet, die ihr Territorium gegen den Staat verteidigt hatten. Sie wurde zur größten Guerilla-Organisation Lateinamerikas mit zuletzt rund 8000 Kämpfern.

Der Staat wiederum unterstützte paramilitärische Gruppen, außerhalb den offiziellen Strukturen, die für ihn die Schmutzarbeit erledigten.

Beide Seiten verübten Gräueltaten, die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität verschwammen, die Opfer der Zivilgesellschaft waren zahlreich. Noch immer geht man von rund 45.000 Personen aus, die als "verschwunden" gelten, und höchstwahrscheinlich unter grausamsten Umständen den Tod gefunden haben. Ihre Überreste sind wohl zerstückelt oder verbrannt.

Kolumbiens Präsidenten haben in den vergangenen Jahrzehnten das Problem auf verschiedene Arten versucht anzugehen. Der konservative Präsident Andrés Pastrana (1998 bis 2002) eröffnete einen Friedensprozess, der der Farc gleich zu Beginn der Verhandlungen eine demilitarisierte Zone als Sicherheitsgarantie zugestand (Caguán), die in der Folge jedoch als Rückzugsort und Drogenanbau-Gebiet dienen sollte. An den Friedensverhandlungen beteiligten sich unter anderem 26 Länder als "Freundesgruppe", die Farc nützten geschickt ihre neue Zone, um internationale Journalisten mit der Ordnung innerhalb ihrer eigenen Welt zu beeindrucken, während die Kämpfe zwischen Farc und Staat und Paramilitärs weitergingen. Die Verhandlungen scheiterten, als die Farc ein Flugzeug und einen Senator kidnappten.

Nach dem 11. September begann "Terroristen"-Diktion


Der auf Pastrana folgende Hardliner Álvaro Uribe (2002 bis 2010) wählte einen diametral anderen Zugang: Keine Verhandlungen mit "Terroristen". Das Wort "Terroristen" war bewusst gewählt, stand doch die ganze Welt unter dem Eindruck von 9/11. So konnte Uribe es auch den USA schmackhaft machen, dass er sein Militär aufrüstete, um gegen die Terroristen im eigenen Land vorzugehen. Durch die Betonung des terroristischen Charakters der Farc wurde die Organisation schließlich auch auf die Terrorlisten der EU und der USA gesetzt. Damit wurden diese Länder als etwaige Vermittler verunmöglicht. Uribes Präsidentschaft wurde zudem vom Skandal der "Parapolitiker" überschattet - eine Wortschöpfung in Anlehnung an die Paramilitärs: Politiker in Uribes Umfeld wurde ein Naheverhältnis mit den Paramilitärs der AUC nachgewiesen. Den AUC ("die gemeinsamen Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens") wiederum wird das Massaker an tausenden von Zivilisten zur Last gelegt.