Der noch amtierende konservative Präsident Juan Manuel Santos war selbst Minister unter Uribe. Er hat einen dritten Weg im Friedensprozess gewählt: Geheimverhandlungen auf Kuba und das bewusste Werben um internationale Unterstützung.

Verhandlungen im geschützten Raum, weit weg vom Volk

Die Friedensverhandlungen auf Kuba (begleitet von dem Nicht-EU-Mitglied) Norwegen, waren schließlich von Erfolg gekrönt: 2016 kam es zu einem historischen Friedenschluss. Santos wurde der Friedensnobelpreis verliehen. Die internationale Gemeinschaft war zufrieden.

Das kolumbianische Volk weniger. Das Referendum zum Friedensvertrag scheiterte. Denn die geschützten Verhandlungen weit weg auf Kuba hatten auch zur Folge, dass sich das kolumbianische Volk nicht besonders eingebunden gefühlt hat, erzählt Christian Wlaschütz. Der österreichische Politikwissenschafter ist seit 2006 als Mediator in Kolumbien tätig und begleitet zivilgesellschaftliche Organisationen.

Die Beteiligung am Friedens-Referendum war gering. Die Friedensbefürworter kämpften nicht nur gegen eine gewisse Apathie an, sondern auch gegen erzkonservative soziale Kräfte in Kolumbien. "Santos hat immer den Schwerpunkt gesetzt, Kolumbien und sich selbst in der internationalen Umgebung als sehr progressiv darzustellen", erklärt Wlaschütz, der diese Woche auf Einladung der neu eingerichteten "Forschungsgruppe Lateinamerika", (angesiedelt an der Politikwissenschaft der Uni Wien) einen Vortrag hielt. In diversen kolumbianischen Papieren wurden Formulierungen verwendet, die von internationalen Experten gern gesehen werden - "das hilft zwar bei der Finanzierung, ist aber ein willkommener Kritikpunkt für die Opposition", erzählt Wlaschütz.

Und als im Friedensvertrag - wie es für moderne Friedensverträge typisch ist - die Gender-Differenzierung thematisiert wird, entzündete sich der Zorn der gesellschaftlich erzkonservativen Kräfte. "Angefangen hat es damit, dass in den Sommermonaten die damalige Bildungsministerin, Gina Parody, einen Gender-Schwerpunkt in den Schulunterricht eingebracht hatte. Das hat für erhebliche Proteste gesorgt", erinnert sich Wlaschütz. Als dann später der Friedensvertrag präsentiert wurde, in dem thematisiert wird, wie Frauen oder sexuelle Minderheiten unter dem bewaffneten Konflikt besonders gelitten haben, sowie die Bedürfnisse von Frauen in der Landfrage, "dann wurde das Abkommen von manchen als Speerspitze der Homosexuellen-Bewegung dargestellt. Die Werte der klassischen Familie waren auf einmal in Gefahr." Das rief die christlichen Freikirchen auf den Plan, die ihrerseits bis zu einer Million Stimmen gegen das Referendum beisteuern konnten.

Der Friedensvertrag wurde schließlich noch einmal überarbeitet, und dann aber nicht noch einmal der Bevölkerung vorgelegt. Konservative Kräfte um Uribe schäumen bis heute.