Denn es sind vor allem zwei Punkte, an denen sich der Zorn von vielen in der Bevölkerung entzündet. "Zum einen die Tatsache, dass die Kommandanten der Farc nicht ins Gefängnis gehen müssen. Zum anderen das Zugeständnis, dass Farc-Kommandanten an der Politik teilnehmen dürfen", erzählt Wlaschütz. Das waren die Bedingungen der Farc für eine Einigung und beide Punkte wurden ihnen zugestanden. Das bedeutet nur milde Sanktionen, falls sich die ehemaligen Rebellen an der Wahrheitsfindung beteiligen - eine Amnestie war unter internationalen Normen nicht möglich -, sowie eine Garantie, dass die Farc acht Jahre im Parlament repräsentiert sein werden.

Eine Zukunft, geführt von Gegnern des Friedensprozesses

Aber auch Santos hat einen Erfolg verzeichnet: Denn die Demilitarisierung der Farc wurde 2017 erfolgreich abgeschlossen. Der bewaffnete Konflikt mit der Farc ist tatsächlich Geschichte. Doch, das war nur der erste Punkt im Friedensvertrag, meint Wlaschütz. Die anderen Themen des Friedensvertrags sind unter Santos noch nicht angegangen worden: Wie geht man mit der Landfrage um? Wer bekommt welches Land? Fällt es wieder an die Eliten? Wie werden die Punkte des Abkommens in Bezug auf die Drogen umgesetzt? Gibt es eine Reform des politischen Systems inklusive des Wahlrechts?

Diese Themen werden das Land in der Zukunft länger beschäftigen. Eine Zukunft, die geprägt sein könnte von Politikern, die sich vehement gegen den Friedensprozess gestellt haben.

Umfragen zufolge haben mehr als die Hälfte der Kolumbianer Angst, dass ihr Land zu einem zweiten Venezuela werden könnte: In dem Nachbarland ist die Demokratie unter dem linksgerichteten Regime schwer in Mitleidenschaft gezogen, die Wirtschaft ist am Boden, die Inflation wächst in den Himmel. Die Angst vor dem Linksruck lässt die Wähler gerne konservativ wählen - und konservativ bedeutet nun für viele Politiker, dass sie radikaler sein muss, als konservative Kandidaten der Mitte, die Santos zuzuordnen wären. Damit sind Kandidaten aus Uribes Umfeld Favoriten. Iván Duque, offizieller Kandidat der Uribe-Partei, kritisiert vehement die Straflosigkeit, die der Farc widerfahren ist. Auf Twitter meint er am Freitag, dass die Behandlung der Farc die verbleibende Guerilla-Organisation ELN zu Gräueltaten und Terrorismus angestiftet habe. "Nur mit Gerechtigkeit und Härte können wir mit der kriminellen Gewalt fertig werden."

Die ELN hat erst diese Woche trotz Waffenstillstandes Anschläge in Kolumbien verübt, bei denen Berichten zufolge zumindest ein Soldat ums Leben gekommen ist. Santos hat daraufhin die Verhandlungen mit der Gruppe ausgesetzt, die Beobachtern zufolge aber mit rund 2000 Kämpfern nur eine kleine Rolle in dem Land spielen, das in den vergangenen Jahren eine Zunahme von Gewalt erlebt hat. Denn Regionen, die früher die Farc dominierte, sind nun Schauplatz allerhand bewaffneter Partikularinteressen. Versprengte Gruppen, bestehend aus Ex-Paramilitärs, ehemaligen Farc sowie neu hinzugekommene Protagonisten, die sich um die Verteidigung von Land und Drogenrouten kümmern, treiben die Gewalt an.