Ankara. (rs) Wie so häufig klang Recep Tayyip Erdogan auch an diesem Montag überaus bestimmt. "Wir werden keinen Schritt zurückweichen", sagte der türkische Präsident bei einer Veranstaltung in Ankara. "Afrin wird geregelt werden."

Im Fall von Afrin, jener Provinz in Nordsyrien, die seit Samstag von türkischen Truppen beschossen wird, dürfte hinter den martialischen Tönen und Erdogans selbstbewusstem Auftreten allerdings mehr stecken als die angriffige, aber häufige folgenlose Rhetorik, derer sich der türkische Präsident schon seit Jahren bedient. Denn für die "Operation Olivenzweig", mit der die Kurdenmiliz YPG aus Afrin vertrieben werden soll, hat Erdogan quasi einen Freibrief der in Syrien engagierten Mächte bekommen. So zeigt sich US-Außenminister Rex Tillerson zwar nun besorgt über mögliche zivile Opfer in der an die Südosttürkei grenzenden Provinz. Gleichzeitig haben die eigentlich mit der YPG verbündeten Vereinigten Staaten aber betont, dass Afrin für ihren Kampf gegen die Terrormiliz IS derzeit nicht die oberste Priorität hat.

Noch wichtiger als die Zurückhaltung der USA dürfte für Erdogan, der die YPG als syrischen Zweig der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und damit als Terrororganisation betrachtet, aber die vereinbarte Rückdeckung einer anderen Großmacht sein. "Wir haben darüber mit unseren russischen Freunden gesprochen", erklärte Erdogan bei der Veranstaltung in Ankara triumphierend. "Wir haben eine Vereinbarung."

Ein Keil zwischen Nato-Partnern


Ohne diese Vereinbarung, die der türkische Generalstabschef Hulusi Akar und Geheimdienstleiter Hakan Fidan offenbar Ende vergangener Woche bei einem Besuch in Russland ausgehandelt hatten, wären Erdogan die Hände gebunden gewesen. Denn die russische Armee hat nicht nur ein S-400-Raktenabwehrsystem in Syrien stationiert, mit dessen Hilfe sie der Luftraum im Norden nahezu uneingeschränkt kontrolliert. Auch die russischen Militärberater, die bis vor kurzem in Afrin stationiert waren, hätten jeden Angriff zum Hasardspiel gemacht, denn spätestens seit dem Streit um einen von der Türkei abgeschossenen russischen Kampfjet weiß man in Ankara genau, mit welcher Härte Moskau reagieren kann.

Dass der Kreml, der in der Vergangenheit immer wieder Verständnis für die kurdischen Autonomiebestrebungen gezeigt hat, nun grünes Licht für Erdogans Militäroperation gibt, scheint allerdings nur auf den ersten Blick verwunderlich. Denn aus Sicht Moskaus dürfte es vor allem darum gehen, dass sich die türkische Offensive gegen den bisher wichtigsten Verbündeten der USA in Syrien richtet, womit sich die Spannungen zwischen den beiden ohnehin im Clinch liegenden Nato-Partnern noch weiter vergrößern dürften.

Europäer sind beunruhigt


Russland Präsident Wladimir Putin, der den syrischen Machthaber Bashar al-Assad durch seine Unterstützung vor dem Sturz bewahrt hat, wäre dabei einmal mehr Profiteur der Entwicklungen. Denn schon in der Vergangenheit hat der Kreml seinen Einfluss in Syrien immer dann ausweiten können, wenn die USA und ihre Verbündeten mit sich selbst beschäftigt waren oder keine Entschlossenheit zeigten.

Dementsprechend beunruhigt über die türkische Militäroffensive zeigten sich am Montag auch mehrere europäische Länder. "Wir sehen das mit großer Sorge", sagte der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, nach dem Treffen der EU-Außenminister. "Wir können hier keine Eskalation gebrauchen." Auch der UN-Sicherheitsrat wollte noch am Montag in einer Dringlichkeitssitzung über den Syrien-Konflikt, in dem es zuletzt auch wieder Giftgasvorwürfe gegen Regierungstruppen gegeben hat, beraten.