London/Wien. (wak) Das globale Finanzsystem breitet nach wie vor einen wärmenden wie opaken Schutzmantel über internationale Geldflüsse. Dazu gehören diskrete Anlegungsformen im Ausland, Steueroptimierung von Konzernen bis hin zur Geldwäsche von mafiösen Organisationen.

Und trotz internationaler Lippenbekenntnisse verbessert sich die Situation nicht nachweislich. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls der Schattenfinanzindex, der seit 2009 alle zwei Jahre von der NGO Tax Justice Network erstellt wird. Die fünfte Ausgabe 2018 ist die bisher umfangreichste. Sie untersucht 112 Länder und Territorien auf allen Kontinenten und bewertet sie anhand von 20 Indikatoren. Dieses Mal wurde der Index mit der Unterstützung der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission überarbeitet. Damit wird den neuesten Tricks Rechnung getragen. Etwa der Tatsache, dass "Goldene Visa" - also Staatsbürgerschaften im Austausch gegen Investitionen - nicht nur dazu verwendet werden, um die Reisefreiheit in der EU zu ergattern, sondern auch um die steuerliche Ansässigkeit für den automatischen Informationsaustausch von Bankdaten zu verschleiern. Auch trägt der Schattenfinanzindex zum ersten Mal Informationen darüber zusammen, wo Urteile und Verfahren der Steuergerichte öffentlich zugänglich sind.

Nach Schätzungen von Tax Justice Network gehen den Staaten weltweit jährlich rund 500 Milliarden Dollar durch die Gewinnverschiebungen von multinationalen Konzernen verloren. Das in Steuersümpfen geparkte Privatvermögen wird wiederum auf 20 bis 30 Billionen Dollar beziffert. Das von der offiziellen Bildfläche verschwundene Geld macht sich durch seine Abwesenheit bemerkbar: in der westlichen Welt durch den zunehmenden Druck auf Sozialsysteme. In Afrika durch den fehlenden Zugang zu Trinkwasser. Denn die öffentliche Geldquelle Steuereinnahmen versiegt.

Der aktuelle Schattenfinanzindex 2018 des Tax Justice Networks zeigt, welche Staaten Finanzströme von ungeklärter Herkunft besonders anlocken. Und hier macht ein Umstand besonders hellhörig: Während oft die fernen Karibikinseln angeprangert werden, liegt die Möglichkeit der intransparenten Finanzgebarung für uns in Europa doch viel näher. Denn der Index brandmarkt viele der wichtigsten Industriestaaten als Steueroasen.

Die Masse macht’s


Bei den Top 10 des Schattenfinanz-Index stehen ganz klar die Volumina der Finanzströme im Vordergrund: Länder, mit nicht völlig intransparenten Systemen, die aber mit einem durchschnittlichen Anonymitäts-Bewahrungswert von knapp 70 Prozent doch mehr als genug Schlupflöcher bieten, um Vermögen im Schatten anzulegen (100 Prozent wäre völlige Intransparenz). Diese Top-10-Länder machen dafür fast 60 Prozent aller globalen grenzüberschreitenden Finanzdienstleistungen aus.