"Wiener Zeitung": US-Präsident Donald Trump macht mit den Strafzöllen Ernst. Wohin könnten diese Maßnahmen führen, gar zu einem Handelskrieg?

Michael Lind: Natürlich muss man Donald Trumps Zölle ernst nehmen - und zwar sowohl vom Symbolgehalt her als auch von der Substanz. Trump verdankt seinen Sessel im Oval Office des Weißen Hauses den Wählern der Industriezonen des Mittleren Westens, die von Import-Konkurrenz und Offshoring schwer getroffen worden sind. Er hat während seiner Wahlkampagne versprochen, dass er alles daransetzen würde, dass es in diesen Regionen zu einer industriellen Renaissance kommt. Dazu kommt, dass Trump eine Weltsicht eines, nennen wir es "feindseligen Realisten" hat, in der die Weltmächte in einem Nullsummenspiel gegeneinander konkurrieren. Genauso wie die Mauer an der mexikanischen Grenze ein Symbol seines Nationalismus ist, gehen Zölle in genau dieselbe Richtung. Das Faktum, dass das liberale, internationalistische Establishment in beiden Parteien entschieden gegen diese Zölle auftritt, ist übrigens ein Segen für einen Anti-Establishment-orientierten, nationalistischen Populisten wie Trump.

Trump betont immer wieder, dass die USA von Ländern wie China, aber auch von Verbündeten wie Deutschland, Südkorea oder Japan über den Tisch gezogen worden seien. Wie kommt er auf diese Idee?

Trumps Background ist nicht in der Politik, sondern er war zeit seines Lebens Geschäftsmann, und es war stets Teil seiner Verhandlungsstrategie, dass theatralische öffentliche Statements einer Einigung in Verhandlungen vorangingen. Für einen Diplomaten oder einen traditionellen Politiker ist so eine Vorgangsweise ziemlich ungewöhnlich, aber es verschafft Trump den Vorteil, dass er damit seiner Wählerschaft zeigen kann, dass er auf ihrer Seite ist. Zurückrudern kann man dann immer noch.

Ist für die Zukunft eine noch größere Fragmentierung der Weltwirtschaft zu erwarten?

Wenn man davon ausgeht, dass China in Zukunft ein immer wichtigerer militärischer Faktor sein wird, warum sollte man dann die Produktion nach China oder auch in Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft zu China, wie etwa Südkorea, Taiwan oder Japan, auslagern, die allesamt Chinas Groll zu fürchten haben, wenn sie sich einmal gegen Peking stellen? Wir bewegen uns in Richtung einer multipolaren Weltordnung. Ursprünglich hatte man geglaubt, dass nach dem Kalten Krieg, der Periode der Pax Americana, eine Win-win-Situation entstehen würde mit einem integrierten globalen Markt. Nun wird die Welt erneut von zwei Supermächten dominiert, von den USA und China. Das Bruttosozialprodukt Chinas entspricht heute ungefähr jenem der USA oder der Europäischen Union. Und auch militärisch ist China die Nummer zwei. Die Frage ist nun: Kann man eine liberale Weltwirtschaftsordnung aufrechterhalten, wenn es keine Hegemonialmacht gibt, die bereit ist, im Interesse der Aufrechterhaltung dieses Systems einen Teil der Kosten zu tragen? Wenn wir in Richtung eines zweiten Kalten Krieges gehen, dann sind auch gegenseitige Handelsembargos, Sanktionen, Spionage und Handelskriege zu erwarten. Das ist leider ein Szenario, dass derzeit als sehr realistisch zu werten ist.