Sergej Lebedew, fotografiert in der Bibliothek des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. - © Thomas Seifert
Sergej Lebedew, fotografiert in der Bibliothek des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. - © Thomas Seifert

"Wiener Zeitung": Üblicherweise sinken die Popularitätswerte von Politikern im Laufe ihrer Amtszeit. Bei den Wahlen in Russland wurde Putin zuletzt mit 77 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Wie lässt sich dieses Ergebnis interpretieren?

Sergej Lebedew: Im Herbst 2013, vor der Maidan-Revolte in Kiew und der Annexion der Krim, waren Wladimir Putins Umfragedaten auf einem Tiefststand. Als Putin die Krim annektierte, schossen die Umfragewerte Putins in die Höhe. Seit diesem Zeitpunkt - März 2014 - befindet sich Russland in einem konstanten Propaganda-Fieber. Wenn man nicht in Russland lebt, kann man sich den vollen Umfang dieser Propagandamaschine, die jeden Tag im Leben der Menschen präsent ist, nicht vorstellen. Wir können also nicht von Russland als einer normalen Demokratie sprechen.

Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny meinte in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" auf eine Frage zu den Wahlen in Russland: "Welche Wahlen meinen Sie?" Ist Nawalnys Urteil zu hart?

Nein. Ich stimme Nawalny hundertprozentig zu. Natürlich gibt es eine breite Unterstützung für Putin. Was aber die prozeduralen Fragen des Wahlprozesses betrifft, dann lässt sich Folgendes feststellen: Alle, die bei dieser Wahl neben Putin zur Wahl standen, waren Marionetten-Kandidaten. Echte Gegenkandidaten wie eben Nawalny wurden von der Wahl ausgeschlossen. Wenn man im Hinterkopf behält, dass praktisch das gesamte Medien-Ökosystemen vom Staat kontrolliert wird, und wenn man bedenkt, dass ein logischer Gegenkandidat wie Boris Nemzow im Jahr 2015 Opfer eines mysteriösen Attentats wurde, dann kann man tatsächlich nicht von Wahlen sprechen. Ich würde in diesem Fall eher von einer Prozedur zur Bestätigung von Wladimir Putin in seinem Amt sprechen.

Putins Botschaft: Eine Stimme für Putin ist eine Stimme für Russland.

Das ist nichts Neues. Das hat das schon bei seiner ersten Wahlkampagne getan. Es ging damals nämlich nicht der nur darum, dass er ein Ende der turbulenten Boris-Jelzin-Ära versprach, sondern es tobte auch der Krieg in Tschetschenien. Es gab Terroranschläge in russischen Städten. Putin versprach den Menschen Stabilität und Schutz. Jetzt gibt es keine Bedrohung für Russland, diese Bedrohungen sind imaginiert. Ich würde aber sagen, dass diese imaginierten stärker als die echten Bedrohungen sind. In den 90ern wurden etwa die USA oder die Nato nicht so sehr als Bedrohung empfunden wie heute. Was sollten die auch tun? Einmarschieren? Als aber dann Wladimir Putin an die Macht kam, hat sich das langsam und Schritt für Schritt geändert. Und zwar weil die Elemente Bedrohung und Konflikt wichtige Teile von Putins Weltbild sind. Putin war ja Mitglied des Geheimdienstapparats und er hat beim KGB gelernt, dass man die Menschen am leichtesten mit Angst manipulieren kann. In seinem Weltbild geht es nicht um Kooperation, Vertrauen oder Verhandlungen, sondern er sieht die Politik als eine Art nachrichtendienstliche Sonder-Operation.