"Wiener Zeitung": Herr Neckel, Sie beschäftigen sich mit dem Zerfall von Ordnung. Sehen Sie heute Zeichen eines derartigen Zerfalls?

Sighard Neckel: Wenn wir von einem Zerfall von Ordnungen sprechen, dann ist damit mehr gemeint als der Begriff "Krise". Wir haben in den letzten Jahren häufig über Krisen gesprochen: die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise. Der Zerfall von Ordnung geht tiefer. Davon würde ich sprechen, wenn tragende Säulen unserer Institutionen, unserer Lebensform ins Wanken geraten, elementare Prinzipien, von denen wir bisher trotz aller Krisen angenommen haben, dass sie eine bestimmte Stabilität hätten. So steckt etwa die liberale Demokratie heute in einer tiefgehenden Krise. Die rechtsstaatliche Demokratie, in der sich demokratische Institutionen mit einem kulturellen Pluralismus und einem freiheitlichen Individualismus verbinden, gilt nicht mehr als politisches Ideal und entwickelt außerhalb Europas auch keine besondere Strahlkraft mehr.

Was sind die Folgen dieser Vertrauenskrise?

Die Krise der liberalen Demokratie führt dazu, dass eine Mischung von Autokratie und Demokratie - etwas, das man "Demokratur" nennen könnte - eine immer größere Anhängerschaft findet. Auch in einigen europäischen Ländern scheint den Machteliten das Modell einer "gelenkten Demokratie" - einer Mischung aus Autoritarismus und demokratischen Prozeduren - attraktiv. In so einer Herrschaftsform hat die politische Opposition so gut wie keine Chance.

Haben diese Möchtegern- oder tatsächlich Autokraten die Demokratie gekidnappt oder ist Demokratie einfach eingeknickt?

Fast scheint es, als gäbe es ein "Regime-Handbuch für illiberale Demokratien": Eines der Kapitel dieses Handbuches würde die Empfehlung enthalten, wie man als Machthaber dafür sorgt, dass einem die politische Macht, die man auf demokratischem Weg errungen hat, mit demokratischen Mitteln nicht mehr entrissen werden kann. Indem etwa die Grenzen der Stimmbezirke zum eigenen Vorteil verändert werden - wie in den USA -, indem man versucht - wie in Ungarn -, die Presse gleichzuschalten, oder - wie in Polen - die Unabhängigkeit der Justiz zu untergraben. Im Falle von Viktor Orbáns Ungarn ist es mittlerweile so, dass die Opposition mehr als 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinen müsste, damit Orbáns Partei Fidesz die Parlamentsmehrheit verliert. Ein anderes Beispiel ist Donald Trump. Es sieht nicht so aus, als sei seine Regierung gewillt, sich demokratischen Kontrollen zu unterwerfen. Vielmehr versteht sich Trump als Kopf einer Bewegung, deren Ziel die Abkehr von der liberalen Demokratie ist.