Eriwan. (czar/reu/dpa) Zehn Jahre lang stand er an der Staatsspitze - doch als Ministerpräsident war er nicht einmal zehn Tage lang im Amt. Nach Massenprotesten in der armenischen Hauptstadt Eriwan trat Sersch Sargsjan am Montag von dem Posten zurück, für den er eine knappe Woche zuvor im Parlament gewählt worden war. Den vom Kreml unterstützten 63-jährigen Politiker hatte die regierende Republikanische Partei als Kandidaten aufgestellt.

Schon im Vorfeld hatte die Kür Sargsjans in der ehemaligen Sowjetrepublik mit ihren etwas mehr als drei Millionen Einwohnern Demonstrationen ausgelöst. Tagelang gingen tausende Menschen auf die Straßen. Mehr als 200 von ihnen wurden erst am Sonntag vorübergehend festgenommen, unter anderem einer der Anführer der Proteste, der Oppositionsabgeordnete Nikol Paschinjan. Kritiker machen Sargsjan für Armut, Korruption und den großen Einfluss von Oligarchen in der Kaukasusrepublik verantwortlich. Ein weiterer Vorwurf ist die zu große Nähe zu Russland, dem Armenien nicht zuletzt in der eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft verbunden ist.

Doch auf der anderen Seite sieht Eriwan in Russland eine Schutzmacht im Konflikt mit dem benachbarten Aserbaidschan, der das kleine Land seit Jahrzehnten belastet. Beide Länder beanspruchen das Gebiet um Berg Karabach für sich. Wegen des Zwists hat die Türkei, ein weiterer Nachbar Armeniens, die Grenze zu diesem geschlossen - aus Solidarität mit Aserbaidschan. Im Krieg um diese Region von 1992 bis 1994 hat auch - der von dort stammende - Sargsjan Karriere gemacht.

Doch waren es wohl vor allem innere Probleme, die die Menschen auf die Straßen Armeniens getrieben haben. "Ich denke, dass Sargsjan jemand anderem Platz machen sollte", sagte der Student Artjom Simonjan der Deutschen Presse-Agentur. "Er hat das Land schon zehn Jahre geführt, aber der Bevölkerung geht es nicht besser", meinte der 19-Jährige. "Überall herrscht Korruption, aber die Staatsmacht täuscht den Kampf dagegen nur vor", befand der 38 Jahre alte Marketing-Spezialist Suren Spandarjan.

Mit mehr Macht ausgestattet

An den Hebeln dieser Macht wäre Sargsjan als Ministerpräsident denn auch geblieben. Denn dessen Amt ist vor gut zwei Jahren durch eine umstrittene Verfassungsreform deutlich aufgewertet worden. Das Staatsoberhaupt hat in dem neuen parlamentarischen System vorwiegend repräsentative Aufgaben. Aus dieser Funktion ist Sargsjan nach zwei Amtszeiten vor wenigen Wochen ausgeschieden. Wenige Tage danach wurde er zum Ministerpräsidenten gewählt - ausgestattet mit weit mehr Kompetenzen als seine Vorgänger.

Die Proteste gegen Sargsjan hatten sich am Sonntag zugespitzt, nachdem Oppositionsführer Paschinjan und weitere Demonstranten verhaftet worden waren. Dennoch setzten auch am Montag tausende Menschen ihre Kundgebungen fort. Ihnen schlossen sich ebenfalls Gruppen armenischer Soldaten an - was das Verteidigungsministerium für illegal erklärte. Gleichzeitig kam Paschinjan frei. In die Proteste mischte sich daraufhin Jubel.

Diesen gab es ebenfalls, als Sargsjan schließlich seinen Rücktritt bekannt gab. Er wolle den Frieden im Land erhalten, erklärte der Politiker. "Ich gebe die Führung des Landes und das Amt des Ministerpräsidenten von Armenien ab", verkündete Sargsjan und räumte ein, die Situation "falsch eingeschätzt" zu haben. Kurz zuvor hatte ihm Paschinjan bei einem Treffen gesagt, dass sich die Lage geändert habe: "In Armenien liegt die Macht jetzt beim Volk."

Geschäftsführend soll nun der frühere Ministerpräsident Karen Karapetjan die Regierung leiten. Er ist ein Verbündeter Sargsjans und gehört ebenfalls der Republikanischen Partei an. Auch auf Schlüsselposten im Kabinett bleiben Sargsjan-Vertraute. Die Parteien im Parlament haben nun sieben Tage Zeit, einen neuen Regierungschef zu wählen. Dass es aber danach zu einem spürbaren Wandel in Armeniens Politik kommt, ist nicht ausgemacht.