Washington/London/Wien. (da) Das Türschild im Londoner Büro war bereits am Mittwoch abmontiert. In der Washingtoner Niederlassung lagen zwar noch Laptops auf Schreibtischen, die Mitarbeiter von Cambridge Analytica (CA) waren aber nicht mehr anzutreffen. Die äußeren Anzeigen deuten auf einen überstürzten Abschied des britisch-amerikanischen Unternehmens hin. CA und deren Mutter SCL Group meldeten am Mittwochabend Insolvenz an und teilten in einer Erklärung mit, alle Aktivitäten mit sofortiger Wirkung zu beenden.

Einsicht oder Reue zeigte das Unternehmen zum Abschied jedoch nicht. "Durch die Welle der Medienberichterstattung haben uns praktisch alle unsere Kunden und Zulieferer den Rücken gekehrt." Die finanzielle Lage sei "prekär". Aufgrund des Kundenschwundes und steigender Anwaltskosten gebe es keine Alternative zur Insolvenz.

Trotz zum Abschied

Kein Wort verlor CA hingegen, warum es vom gefürchtet-bewunderten Ermöglicher Donald Trumps zum Buhmann der Datensammler-Branche wurde. Das Unternehmen steht gleich dreifach im Verdacht: Erstens soll es Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern illegal erhalten und zugunsten seines Auftraggebers Trump im US-Präsidentschaftswahlkampf ausgewertet haben. Mehr als 70 Millionen Nutzer in den USA dürften betroffenen gewesen sein, rund 34.000 Personen in Österreich. Zweitens geht US-Sonderermittler Robert Mueller, der mögliche Manipulationen beim Urnengang 2016 untersucht, der Frage nach, ob Cambridge Analytica Informationen an Russland weitergegeben hat, um potenzielle Trump-Wähler gezielt zu beeinflussen. Und drittens brachte der frühere Chef von CA, Alexander Nix, das Unternehmen in die Negativ-Schlagzeilen. Er musste zurücktreten, nachdem im März publik wurde, dass Nix vor der versteckten Kamera eines Journalisten mit Methoden wie Erpressung von Wahlkandidaten geprahlt hatte. Er verteidigte sich, er habe bei der Unterhaltung "mitgespielt". Nix sagte dabei auch, Trump hätte die Wahl dank CA gewonnen. Seine Herangehensweise legte er an anderer Stelle so offen: "Jemanden zu überzeugen, in einer bestimmten Art und Weise zu wählen, ähnelt sehr dem, 14- bis 25-Jährige in Indonesien zu überzeugen, sich nicht Al-Kaida anzuschließen."

Ein Unternehmen mit solch miserablem Ruf ist auf dem Markt nicht überlebensfähig. Unklar ist jedoch, was aus den bei Cambridge Analytica entwickelten Algorithmen und den daraus gewonnenen Persönlichkeits-Profilen wird. Damian Collins, Vorsitzender des britischen Untersuchungsausschusses sagte, CA und SCL Group dürfe nicht erlaubt werden, ihre Datenhistorie zu löschen. Die britische Datenschutzbehörde betonte, die zivil- und strafrechtlichen Ermittlungen trotz der Insolvenz fortzusetzen.

Führende Köpfe von CA dürften drohenden Kalamitäten vorgebeugt haben. Denn bereits lange vor Ausbruch des Skandals, im August 2017, gründeten sie eine neue Datenanalyse-Firma namens Emerdata - angemeldet in New York an derselben Adresse wie die dortige Filiale von Cambridge Analyticas Mutterfirma, berichtete der US-TV-Sender NBC. Direktor von Emerdata war niemand anderer als Alexander Nix. Er legte jedoch nach seiner Suspendierung bei CA auch sein Amt bei Emerdata nieder.

Dazugestoßen sind im März jedoch Rebekah und Jennifer Mercer. Bei den beiden Aufsichtsrätinnen handelt es sich um Töchter des Hedgefond-Managers und Milliardärs Robert Mercer. Der 71-Jährige zählt wiederum zu den wichtigsten Geldgebern von Trumps Wahlkampf.

Familie Mercer wieder dabei

Unter der Leitung von Rebekah Mercer nahm die familieneigene Stiftung ab 2008 eine entscheidende Wende. Wurden bis dahin Fördermittel für konventionelle Zwecke wie die Medizinforschung vergeben, so verteilte die äußerst konservative Rebekah Mercer Millionen an politische Aktivisten. So erhielt Stephen Bannon zehn Millionen Dollar für seine Rechtsaußen-Webseite "Breitbart". Der frühere Banker fungierte bereits seit 2012 als politischer Ratgeber der Familie. Er empfahl Mercer auch, in datenbasierte Dienste zu investieren. 15 Millionen Dollar machte die Stiftung für Cambridge Analytica locker. Und Rebekah Mercer war es, die dem scheinbar aussichtslos zurückliegenden Trump Stephen Bannon als Wahlkampfleiter empfahl und zu den Diensten von Cambridge Analytica riet.

Im vergangenen Jahr entzog Rebekah Mercer Bannon ihre Gunst. Denn der bereits als Chef-Stratege Trumps Gefallene gilt als Hauptquelle für Michael Wolffs Buch "Fire and Fury", in dem der Präsident zur Witzfigur verkommt. Der Zugang zu Trump behielt gegenüber der langjährigen Bekanntschaft mit Bannon die Oberhand.