Bogota. Eineinhalb Jahre nach der knappen Ablehnung des Friedensvertrages mit der Farc-Guerilla treffen die Kolumbianer neuerlich eine Richtungsentscheidung im Friedensprozess. Sollte sich bei der Präsidentenwahl am Sonntag der konservative Kandidat Ivan Duque durchsetzen, droht ein Wiederaufflammen des Konflikts, der in fünf Jahrzehnten 260.000 Tote gefordert hatte.

Der in den Umfragen deutlich führende ultrarechte Senator Duque will nämlich an der Amnestie rühren, die den Guerilleros der Farc für die Niederlegung der Waffen versprochen wurde. "Wir sind keine Feinde des Friedens, sondern Feinde der Straflosigkeit", betonte er vergangene Woche bei einer Wahlkampfveranstaltung. Amtsinhaber Juan Manuel Santos, der für das Friedensabkommen im Jahr 2016 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, kann nichts mehr für die Rettung seines politischen Vermächtnisses tun. Nach der kolumbianischen Verfassung ist ihm nämlich ein drittes Antreten bei der Präsidentenwahl verwehrt.

Immerhin gelang es dem scheidenden Präsidenten kürzlich, die zweite große Rebellenorganisation ELN zurück an den Verhandlungstisch zu bewegen. Im Jänner hatte Santos die Friedensgespräche in Ecuador nach dem Auslaufen eines dreimonatigen Waffenstillstands abgebrochen. Im März legten die Rebellen neuerlich die Waffen nieder, woraufhin die Friedensgespräche am 10. Mai wieder aufgenommen wurden.

"Vertrag ist irreversibel"

Die Friedensgespräche mit der ELN dürften kaum von Erfolg gekrönt sein. Während nämlich der Hardliner Duque jegliche Verhandlungen mit Guerilleros ablehnt, hat auch Santos den Abschluss eines Friedensabkommens vor dem Ende seiner Amtszeit im August ausgeschlossen. Den Bestand des historischen Vertrags mit der Farc sieht er auch über die Präsidentenwahl als gesichert an. "Das ist irreversibel, egal wer gewinnt", sagte er im Jänner während seines Wien-Besuchs. Vielleicht werde das neue Staatsoberhaupt an ein paar "Rädchen" drehen, aber der Prozess werde nicht gestoppt, einfach weil er Kolumbien sehr viele Chancen eröffne, betonte der Präsident.

Allerdings befinden sich die Gegner einer Aussöhnung mit den Rebellen derzeit massiv im Aufwind. Im März gewannen sie die Parlamentswahlen klar, während sich die Hoffnungen der Farc auf eine politische Zukunft auf spektakuläre Weise zerschlugen. Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens erhielten bei ihrem ersten Antreten bei einer demokratischen Wahl nur 0,34 Prozent im Senat und 0,22 Prozent im Senat. Trotzdem zogen die Rebellen mit jeweils fünf Mandataren in die beiden Parlamentskammern ein, denn diese Quote war ihnen im Friedensvertrag zugesichert worden.

Bei den Präsidentenwahlen treten die Rebellen gar nicht erst an, obwohl der frühere Farc-Kommandant Rodrigo Londono alias Timochenko zunächst davon geträumt hatte, seinen Friedenspartner Santos im Präsidentenamt zu beerben.

Nun sieht alles danach aus, als würde diesem mit Ivan Duque ein enger Vertrauter des Ex-Präsidenten Alvaro Uribe folgen, der mit Santos noch eine Rechnung offen hat. Uribe hatte von 2002 bis 2010 einen knallharten militärischen Kurs gegen die Farc verfolgt und später gegen die von Santos eingeleitete Aussöhnung mit der geschwächten Guerilla mobilgemacht. Sein Agitieren dürfte ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass die Kolumbianer im Oktober 2016 den Friedensvertrag mit der Farc mit einer hauchdünnen Mehrheit ablehnten.