Wien. 36 Millionen wahlberechtigte Kolumbianer sind am Sonntag aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Bei der Entscheidung zwischen dem rechtskonservativen Ivan Duque und seinem linken Kontrahenten Gustavo Petro geht es nicht nur um wirtschafts- und sozialpolitische Weichenstellungen, sondern auch um die Zukunft des 2016 mit den FARC-Rebellen ausgehandelten Friedensabkommens.

Favorit Duque vom Centro Democratico, der mit 39,1 Prozent der Stimmen die erste Runde der Präsidentschaftswahlen klar für sich entscheiden konnte, will das Abkommen in wesentlichen Punkten verändern. In der Öffentlichkeit spricht er vor allem über die umstrittene Eingliederung der mittlerweile aufgelösten Guerillagruppe Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) in das politische Leben mittels einer garantierten Quote. Außerdem möchte er Änderungen bei der Sonderjustiz, die seiner Ansicht nach zu milde Strafen für ehemalige Kämpfer vorsieht.

Landumverteilungen auch als Konfliktpunkt

Allerdings dürfte es auch um die im Abkommen festgeschriebenen Landumverteilungen zugunsten der ehemaligen FARC-Rebellen gehen, wie der Kolumbien-Experte Johannes Klein von der Universität Regensburg im Gespräch mit der APA vermutet. Diese standen am Anfang des Konflikts und blieben bis zuletzt Kernforderung. "Unter dem Strich liefe es (unter Duque, Anm.) vor allem darauf hinaus, die anvisierten Umverteilungen nicht stattfinden zu lassen", so Klein. "Die Frage ist, wie die FARC bzw. deren ehemalige Mitglieder auf diesen Umstand reagieren würden." Denkbar seien "terroristische Strategien", weil die Rebellen nicht mehr über die Mittel verfügen würden, einen "Krieg vergangenen Ausmaßes zu führen".

Seine Favoritenrolle verdankt Duque aber nicht unbedingt seiner Ablehnung des Friedensabkommens, für das der derzeitige Präsident Juan Manuel Santos 2016 den Friedensnobelpreis erhielt. Klein hält den Friedensprozess trotz der umstrittenen Punkte für durchaus mehrheitsfähig. Dass sich eine Mehrheit der Kolumbianer in einem Referendum gegen das Friedensabkommen aussprach, führt der Politologe und Romanist zum Teil auf den "Brexit-Effekt" zurück. "Viele dachten, der Ausgang ist ohnehin klar, und gingen gar nicht zur Abstimmung."

Auftrieb durch Krise in Venezuela

Auftrieb verschaffe Duque vor allem die politische Krise im Nachbarland Venezuela. Im traditionell sehr konservativen Kolumbien komme der Rechten die Situation dort "wie gerufen", meint Klein. "Ihre Vertreter haben es kaum nötig, wirklich positiv für ihr Programm zu werben". Das "Totschlagargument" sei immer dasselbe: "Wenn die Linke an die Macht kommt, wird sie Kolumbien in kürzester Zeit in ein zweites Venezuela verwandeln." Obwohl sich der linke Petro "mehrfach von (Venezuelas Präsident Nicolas, Anm.) Maduro distanziert" und sich "für den Kapitalismus (freilich in einer sozialeren Form) ausgesprochen" habe, identifiziere man ihn mit dem "Castrochavismus". Deswegen würden auch viele arme Kolumbianer überzeugt rechts wählen - obwohl dies ihren Interessen widerspreche.