Managua. Die Familie von Esmilse Patricia Campos hatte gerade das Frühstück beendet, als Polizisten ihren Ehemann mitnahmen. "Ich habe gefragt: Warum? Sie haben mir nicht geantwortet", sagt die Frau, die nun vor dem Gefängnis "El Chipote" in Nicaraguas Hauptstadt Managua steht, in den Händen einen Rosenkranz und ein Paket Kekse. "Meine Nachbarin hat gesagt, das sei passiert, weil wir zu den Märschen gegangen sind", sagt Campos.

Gemeint sind die regierungskritischen Demonstrationen, die das mittelamerikanische Land seit Wochen in Atem halten. Mehr als 300 Menschen sind nach Angaben von Menschenrechtlern bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften in den vergangenen zwei Monaten ums Leben gekommen.

Mit Campos warten rund 20 weitere Frauen vor dem Gefängnis. Dort saß 1968 auf Anordnung des Diktators Anastasio Somoza auch der linke Guerilla-Kämpfer Daniel Ortega ein. Heute ist Ortega Präsident und nutzt "El Chipote", um seinerseits Oppositionelle einsperren zu lassen. Hunderte wurden ohne richtigen Haftbefehl mitgenommen.

Fronten verhärtet

Die Fronten zwischen ziviler Opposition aus Studenten, Unternehmern, Bauern und anderen Organisationen und der Regierung unter dem autoritären Präsidenten sind verhärtet. Das Sehnsuchtsland auch deutscher linker Revolutionsromantiker in den 80er-Jahren hat sich zum Krisenstaat entwickelt: Die Revolution lässt ihre Kinder niederschießen und einsperren.

Der Konflikt in dem Land mit seinen 6,4 Millionen Einwohnern eskalierte im April - aber nicht aus heiterem Himmel. Er sei bereits seit Jahren abzusehen gewesen, erklärt Marco Perez-Navarrete von der Heinrich-Böll-Stiftung in San Salvador, der die Situation in Nicaragua beobachtet. Landwirte im Süden protestierten gegen Planung und Bau des gigantischen "Nicaragua-Kanals", der Atlantik und Pazifik verbinden soll. Die Regierung stellte sich auf die Seite der Investoren und ließ die Bau-Gegner zum Schweigen bringen. "Viele Leute sind einfach verschwunden", so Perez-Navarrete. Mit Beginn der politischen Krise im verbündeten Venezuela blieben in Nicaragua zudem für die Wirtschaft wichtige Subventionen aus, so Perez-Navarrete.

Die bereits angespannte Stimmung eskalierte, als Ortega im April eine Sozialreform ankündigte. Die Pensionen sollten gekürzt, dafür aber Steuern angehoben werden, wie Geoff Thale vom Forschungsinstitut Washington Office on Latin America (WOLA) erklärt. Die Menschen ging auf die Straßen - mit Erfolg. Ortega zog den Reformplan zurück, den Protesten setzte das aber kein Ende. "Die Polizei und paramilitärische Gruppe griffen die Demonstranten an", berichtet Thale. Ein Journalist sei sogar während der laufenden Berichterstattung erschossen worden.