Um 14.53 Uhr erreichen die beiden die Stadtgrenze von Jerusalem. Sanfte Hügelzüge geben den Blick auf das verlassene arabische Dorf Lifta frei, das seit der Staatsgründung Israels 1948 zum Mahnmal der "Nakba", arabisch für Katastrophe, für die Palästinenser wurde. "Hier kämpfen die Araber um ihr Gedächtnis", sagt Noam. Ahmad fährt mit seinem Zeigefinger die Umrisse der zerfallenen Steinhäuser entlang. "Schon seit Jahren sollen hier Luxusvillen entstehen", sagt Noam, "nur noch eine Frage der Zeit."

In den 1950er Jahren in Jerusalem geboren, hat Noam die rasante Veränderung der Landschaft gesehen. Und die in den Menschen. "Ein höllischer Ort", aber in keinem anderen möchte er leben. Vor fünf Jahren eröffnete er mit seinem Neffen eine kleine Firma. Zwei Jahre später starb der 35-Jährige an Leukämie. Für Noam ein Verlust, als hätte er seinen Sohn verloren.

In seiner freien Zeit reiste Noam nach der zweiten Intifada immer wieder ins Jordantal. Nach dem Bau der Mauer konnten sich viele Hirten nicht mehr frei bewegen. Täglich kam es zu Hausdemolierungen, immer mehr Siedler griffen die Zeltdörfer an, die Regierung drehte das Wasser im Tal ab. "Menschen keiner Klasse", sagt Noam, "staatenlos, rechtlos, wasserlos, heimatlos". Auch in Ahmads Zeltdorf stehen nur mehr ein paar vereinzelte Zelte, eingeklemmt zwischen jüdischen Siedlungen, auf militärischem Sperrgebiet. Ahmads Vater kann die Familie finanziell nicht unterstützen.

Der Schäfer verlor vor drei Jahren ein Bein, als er auf einem der Felder auf eine Mine trat. Seitdem hütete Ahmad auch die kleine Ziegenherde seines Vaters. Seit seiner Erkrankung streifen die Tiere allein im Jordantal umher und kehren am Abend zu seiner Mutter zurück. Die dickt die Ziegenmilch zu einem Käse ein. Das Einkommen reicht gerade für einen Sack Mehl, die Busfahrt nach Nablus und ein paar Zahnbürsten. Als Noam einmal an ihrem Zelt ein halbes Kilo Salzkäse kaufte, erzählte ihm die Mutter von ihrem kranken Sohn.

Noam beschloss, Ahmad im Krankenhaus in Jerusalem zu besuchen. Und später beschloss er, mit ihm zusammen im Stau zu stehen. Ihm solle es nicht wie seinem Neffen ergehen, "nur, weil wir eine Mauer um sein Zelt gebaut haben".

Bloß kein
Aufsehen erregen

Um 16.23 Uhr erreichen Noam und Ahmad den Checkpoint. Noam stellt sich auf den Bordstein. Ahmad öffnet den Kofferraum und hebt vorsichtig seine Sporttasche mit den Flaschen voll Medizin heraus. Noam raucht auf seinen Skistock gestützt eine Zigarette. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er wird nicht mit zum Drehkreuz gehen. So wenig Aufsehen erregen wie möglich.

"Bis morgen", sagt Noam. Ahmad schultert die Tasche. Es klimpert. "Salamat." Das Drehkreuz bewegt sich träge in der Hitze. Ahmad dreht sich noch einmal um und winkt. Sein Lachen ragt über dem Mundschutz hinaus. Noam bleibt im Auto sitzen, bis er hinter der Absperrung verschwunden ist.