Roman Vassilenko, fotografiert in den Räumen der kasachischen Botschaft in Wien. - © Thomas Seifert
Roman Vassilenko, fotografiert in den Räumen der kasachischen Botschaft in Wien. - © Thomas Seifert

"Wiener Zeitung": Ist die "Neue Seidenstraße", die derzeit von China vorangetrieben wird, eine Chance für Zentralasien und Kasachstan? Es sollen ja neue Eisenbahn-, Straßen- und Pipelineverbindungen entstehen.

Roman Vassilenko: Absolut. In der Sowjetzeit wurden die Eisenbahnverbindungen vor allem vom Süden und Westen unseres Landes nach Russland gebaut. Seit Kasachstan ein unabhängiges Land ist, wurden 2500 Kilometer Eisenbahn gebaut. Nun gibt es eine Verbindung, die den Osten des Landes mit dem Westen verbindet - also eine Verbindung von der Grenze zu China bis zum Kaspischen Meer. An der chinesisch-kasachischen Grenze, in Horgos, ist eine Zollfreizone entstanden. In diesem Jahr werden dort wohl um die 400.000 Container umgeschlagen werden, 2017 waren es noch 200.000 Container und im Jahr davor 105.000 Container. Man bekommt bei diesen Zahlen eine ungefähre Ahnung von den Wachstumspotenzialen: Bis zum Jahr 2021 rechnen wir mit einem Containerumschlag von zwei Millionen Containern. Und wissen Sie, wie viele Container es im Jahr 2010 waren? Exakt null.

Ein weiterer wichtiger Schritt sind Handelserleichterungen: So haben wir die Zölle mit Russland, Weißrussland, Aserbaidschan, Georgien und der Türkei harmonisiert. Die meisten Transporte gehen dann von Horgos nach Duisburg, aber auch nach Nürnberg; die baltischen Staaten und Finnland spielen als Destination ebenfalls eine Rolle. Es gibt natürlich eine Reihe von Herausforderungen: An der Grenze zwischen Weißrussland und Polen muss von der Breitspur auf die in Europa verwendete schmalere Spurbreite umgeladen werden. Kasachstan ist daher höchst interessiert daran, die Breitspurstrecke bis nach Wien heranzuführen. Österreich wirbt für dieses Projekt, und Kasachstan unterstützt jede Initiative, die geeignet ist, die Infrastrukturverbindungen zwischen Europa und Kasachstan zu diversifizieren.

Welche Rolle wird Kasachstan auf der "Neuen Seidenstraße" spielen?

Kasachstan wird bei diesem Projekt eine herausragende Rolle in Zentralasien spielen. Es geht aber nicht um Konkurrenz mit unseren Nachbarn, sondern wir wollen, dass alle zentralasiatischen Staaten von diesen Projekten profitieren können. Kasachstan ist an einer nachhaltigen Entwicklung in Zentralasien interessiert: 1994 hat unser Präsident Nursultan Nasarbajew die Schaffung einer eurasischen Union vorgeschlagen, die dann im Jahr 2014 im Vertrag von Astana gegründet worden ist. Die eurasische Union stellt einen Markt von 185 Millionen Menschen dar, und der Abbau von Zollgrenzen nützt allen Handelspartnern: Es gibt natürlich noch eine Zollgrenze zwischen China und Kasachstan und eine weitere zwischen Weißrussland und Polen. Aber das ist es dann. Nicht zuletzt dadurch konnte die Geschwindigkeit der Zugreise von China nach Europa auf 15 Tage gesenkt werden. Das ist dreimal so schnell, wie mit dem Schiff. Ein Eisenbahntransport von China nach Österreich kostet heute rund 6000 Dollar pro Container, mit dem Schiff kostet das rund 2000 Dollar.