Die Jungen, die über religiöse und ethnische Grenzen hinweg denken, sind Iraks Hoffnung. - © afp/Haidar Hamdani
Die Jungen, die über religiöse und ethnische Grenzen hinweg denken, sind Iraks Hoffnung. - © afp/Haidar Hamdani

Bagdad. Irak ist das Schlüsselland für die Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens. Irak ist das Schicksal für die Region: Nahe Vergangenheit und Zukunft liegen hier eng beieinander. Doch das Schicksal ist dieses Mal nicht die Verbreitung einer Hochkultur wie zu Zeiten Mesopotamiens, sondern eines weltumspannenden Terrors, der in Afghanistan begann, sich im Irak fortsetzte und dort vervollständigte.

Die Kriege in Syrien, Libyen, Jemen und jetzt auch in der Türkei mit den Kurden sind die Folge. Die Krisen am Golf, im Libanon, die Flüchtlingskatastrophe in Jordanien, die Stellvertreterkriege zwischen Saudi Arabien, dem Iran und Israel, der Terror in Ägypten wären ohne das Desaster im Irak schwer vorstellbar.

Plötzlich war alles möglich

Die Region sähe heute völlig anders aus. Ohne das Erstarken religiöser extremistischer Gruppen, dem die US-Administration tatenlos zusah, wäre der Bürgerkrieg in Syrien längst zu Ende, und im Jemen hätte er erst gar nicht begonnen. Ohne das Erstarken Irans, das durch das Machtvakuum im Irak begünstigt wurde, würde sich Saudi Arabien nicht so massiv herausgefordert fühlen. Blutige Konflikte um die Vormachtstellung im Nahen Osten sind die Folge, die sich zu Weltkriegen auswachsen. Die neue Weltordnung der Amerikaner, wie sie sie in ihrer Hybris mit der Invasion in den Irak 2003 schaffen wollten, wurde zum Scherbenhaufen der Weltpolitik.

Einen Zusammenhang zwischen der sogenannten Arabellion in den Ländern Tunesien und Ägypten mit dem Desaster im Irak bezweifeln viele. Ich dagegen bin überzeugt, dass die Aufstände dort sehr wohl mit der Entwicklung im Irak zusammenhängen. Die Tatsache, dass ein "großer arabischer Führer" wie Saddam Hussein gestürzt werden konnte, hinterließ Spuren bei der jungen Bevölkerung Arabiens. Seine Unverwundbarkeit war plötzlich nicht mehr gegeben, alles wurde möglich. Die bewusste Demütigung des vermeintlich Unantastbaren, als er aus dem Erdloch herausgezogen und verhaftet wurde, verfehlte nicht die psychologische Wirkung.

Autokraten auf dem Vormarsch

Das Foto, das Saddam verwahrlost und zerzaust zeigt, als er eine Speichelprobe zur Identitätsfeststellung abgeben muss, ging um die Welt und prägte sich in das Gedächtnis vieler, vor allem junger Menschen der Region ein. Dadurch wuchs die Begehrlichkeit, auch andere Gewaltherrscher loszuwerden. Der Dominoeffekt, auf den George W. Bush bei der Invasion in den Irak spekulierte, setzte also tatsächlich ein, verkehrte sich jedoch in das Gegenteil dessen, was der damalige US-Präsident erreichen wollte. Nicht Demokraten sind im Nahen und Mittleren Osten auf dem Vormarsch, sondern Autokraten, Diktatoren und Gewaltherrscher, die weit brutaler, rücksichtsloser und gewalttätiger sind als vordem. Oft mit dem Argument, keinen zweiten Irak zu wollen, lassen Regime wie das syrische und das ägyptische eher ihr Land untergehen, als dass sie Kompromisse eingehen, um Macht und Ressourcen zu teilen.