Kabul. Nach großer Materialschlacht ist in Afghanistan der Wahlkampf zu Ende gegangen. Bevor bis zu 8,8 Millionen Afghanen - so viele ließen sich in die Wahlerlisten eintragen - am Samstag ihre Stimmen für die Wahl des neuen Parlaments abgeben, herrscht eine zweitägige Stillhalteperiode. Ohnedies beginnt am Donnerstag das islamische Wochenende, weshalb die Behörden geschlossen sind. Und weniger Verkehr auf den Straßen bedeutet für die Sicherheitskräfte, dass sie die drastischen Sicherheitsmaßnahmen besser umsetzen können.

Die Schulen, von denen viele zu Wahllokalen umgerüstet werden, sind landesweit schon seit Montag geschlossen. Die Lehrer wurden als Wahlhelfer verpflichtet. Seit Wochenmitte hat die Regierung zudem damit begonnen, sieben bis zwölf Soldaten und Polizisten pro Wahllokale zu stationieren - zumindest in der Hauptstadt Kabul. Insgesamt sollen über 50.000 Regierungssoldaten die Wahlen sichern.

Die aufständischen Taliban haben gedroht, "alle Hebel in Bewegung zu setzen", die Wahlen zu verhindern. Die Lehrer forderten sie auf, nicht mit der Regierung zu kooperieren und ihre Schüler und Studenten und deren Familien dazu zu bringen, der Abstimmung fernzubleiben. Sie erklärten, in den von ihnen kontrollierten Gebieten - etwa die Hälfte des Landes - blieben die Schulen offen. Zudem erklärten sie die Sicherheitskräfte zum Ziel ihrer bevorstehenden Angriffe. Zivilisten sollen geschützt werden.

Zuletzt nahmen die gewalttätiger Vorfälle deutlich zu fort. In der Provinz Helmand tötete am Mittwoch ein Bombe den Abgeordneten Abdul Jabar Kachraman. Sie war unter seinem Bürosessel platziert. Er ist bereits der zehnte Abgeordnete, der in den vergangenen zwei Monaten ermordet wurde. Schwerster Zwischenfall war der Bombenanschlag auf eine Wahlkundgebung in der Provinz Tachar am vergangenen Wochenende mit 22 Todesopfern und mehr als 30 Verletzten. Die Kandidatin, für die die Veranstaltung organisiert worden war, war zum Zeitpunkt der Explosion noch nicht am Kundgebungsort und blieb ungeschoren. Zudem wurde über die vergangenen Tage in mindestens einem Dutzend Provinzen gekämpft.

Angst vor Terrorakten

15 Seiten umfassen die Kandidatenlisten. - © afp/Kohsar
15 Seiten umfassen die Kandidatenlisten. - © afp/Kohsar

Schon jetzt ist klar, dass am Wahltag 5100 von über 7300 Wahllokalen nicht öffnen werden. Die Sicherheitskräfte sehen sich nicht in der Lage, sie zu sichern. Damit verlieren beträchtliche Teile der Bevölkerung die Möglichkeit, sich an diesem Urnengang zu beteiligen.

Bisher ist die Situation jedoch insgesamt vergleichsweise ruhig, vor allem in Kabul. Viele Kabuler denken aber, das könnte die Ruhe vor dem Sturm sein. Sie befürchten, das vor allem der örtliche Ableger des IS am Wahltag weitere Selbstmordattentate verüben könnte, vor allem nach bisherigem Muster in den von der starken und gut organisierten schiitischen Minderheit bewohnten Gebieten. Insgesamt dürften viele Afghaninnen und Afghanen am Samstagvormittag erst einmal abwarten, wie sich am Morgen die Sicherheitslage entwickelt. Sollten Taliban und/oder IS massiv zuschlagen, könnte sich das auf die Wahlbeteiligung auswirken.