New York/Riad/Istanbul. Saud-Arabien hat eine Online-Armee gegen Kritiker des Regimes aufgestellt und auch versucht, einen mutmaßlichen Spion innerhalb des Unternehmens Twitter zu installieren, berichtet die "New York Times" am Sonntag. Eine "Troll-Fabrik" in der saudischen Hauptstadt Riad sei eingerichtet worden, um mit gefälschten Accounts, Fake News und massiven Kommentierungen die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Bereits im Jahr 2010 habe Saudi-Arabien mit einer Kampagne in den sozialen Medien begonnen, um die Regimekritiker online zu belästigen. Saud Al-Qahtani, ein Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman, habe die Strategie dahinter verfasst, heißt es in dem Bericht der "New York Times". Al-Qahtani war einer jener Berater, die nach dem Eingeständnis vom Tod des kritischen Journalisten Jamal Khashoggi entlassen worden waren.

In der "Troll-Fabrik" in Riad sollen laut dem Zeitungsbericht hunderte junge Männer arbeiten, die im Internet nach kritischen Stimmen über Saudi-Arabiens Führung suchen und dann mit Online-Kommentaren versuchen, diese herunterzumachen und einzuschüchtern. Auch der im saudischen Konsulat in Istanbul getötete Khashoggi sei auf Twitter derart unter Druck gesetzt worden. Die Männer seien über Inserate auf Twitter angeworben worden, wo ihnen versprochen wurde, sie könnten 10.000 saudische Rial (rund 2.350 Euro) nur durch Tweets verdienen. Wer sich meldete habe erst dann vom politischen Hintergrund der Arbeit erfahren. Viele Bewerber hätten sich dann nicht mehr getraut, den Job abzulehnen, um nicht selbst als Dissidenten zu gelten, heißt es im US-Zeitungsbericht.

Weiters berichtet die "New York Times" über einen McKinsey-Bericht, der die öffentliche Meinung zu den Austeritätsmaßnahmen der saudischen Führung im Jahr 2015 analysierte. Laut dem Bericht waren drei Personen für das negative Stimmungsbild über die Sparmaßnahmen verantwortlich. Nach der Veröffentlichung des Berichts wurde einer der drei verhaftet, der zweite sagte, dass die Regierung zwei seiner Brüder verhaftet habe und sein Mobiltelefon gehackt habe, und der dritte berichtete, dass sein Twitter-Konto geschlossen worden sei. Das Beratungsunternehmen McKinsey erklärte in einer Stellungnahme gegenüber der Zeitung, man sei entsetzt, dass der Bericht möglicherweise herangezogen worden sei um einzelne Personen zu verfolgen. Der Bericht sei nicht für irgendwelche Behörden erstellt worden und man werde untersuchen, wer das Dokument mit wem geteilt habe.

Wurde Kashoggi erwürgt?

Das international unter Druck geratene Saudi-Arabien hat im Fall des getöteten regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi weitere Details in Umlauf gebracht. Ein hochrangiger Regierungsvertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, der 59-Jährige sei durch einen Würgegriff gestorben.

Zunächst hatte Saudi-Arabien bestritten, für das Verschwinden Chaschoggis verantwortlich zu sein, an diesem Wochenende aber bestätigt, dass er bei einem Faustkampf im saudischen Konsulat in Istanbul ums Leben gekommen ist. Der Regierungsvertreter sagte, es seien intern zunächst falsche Informationen verbreitet worden. Als dies klargeworden sei, habe es sofort eine interne Untersuchung gegeben.

Der neuen Version zufolge wollte die saudische Regierung Khashoggi überzeugen, in das Königreich zurückzukehren. Der "Washington Post"-Kolumnist war vor einem Jahr aus Sorge vor Vergeltungsmaßnahmen in die USA gezogen. Er wollte am 2. Oktober in dem Konsulat Dokumente für seine bevorstehende Hochzeit abholen. Seither galt er als vermisst. Der Plan sei gewesen, Khashoggi notfalls in einem Versteck außerhalb Istanbuls festzuhalten, so der saudische Regierungsvertreter. Er sollte aber "nach einer gewissen Zeit" wieder freigelassen werden, sollte er nicht nach Saudi-Arabien zurückkehren wollen.

Das nach Istanbul gesendete Team habe ihre Anweisungen überschritten und schnell Gewalt angewendet. Khashoggi habe sich widersetzt, er sei deswegen in einen Würgegriff genommen worden. "Sie haben versucht zu verhindern, dass er schreit." Dabei sei der Journalist gestorben. "Es war nicht die Absicht, ihn zu töten." Die Leiche sei in einen Teppich eingewickelt und in einem Auto des Konsulats weggeschafft worden. Sie sei an einen lokalen Helfer übergeben worden. Es werde versucht herauszufinden, wo sie entsorgt worden sei. Die türkischen Behörden suchen unter anderem in einem Waldstück bei Istanbul nach den sterblichen Überresten.