Freilich, in Österreich gab es früher mehr Priester für mehr Katholiken, sagt Prüller, aber: "Gemessen an der Zahl der Katholiken bräuchten wir zwar heute 4900 statt 3920 Priester in Österreich, damit jeder gleich viele Katholiken betreut wie zum Beispiel 1950. Für die Taufen würden aber - nach dem Verhältnis von 1950 - heute 2690 Priester ausreichen, für die Gottesdienstbesucher sogar nur 1614 und für die Trauungen 1420, wenn jeder Priester - so wie 1950 - im Schnitt noch acht Trauungen pro Jahr durchführte und nicht drei."

Brief des Linzer Bischofs an den Papst zum Thema Zölibat

Diese Zahlen müsse man im Auge behalten, "wenn man für Aufweichungen bei der Priesterzulassung plädiert, um einem unzumutbaren Notstand abzuhelfen", meint Prüller. Entsprechende Forderungen gibt es ja. So hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer den Papst in einem Brief über ein "deutliches Rumoren" in seiner Diözese informiert. Konkret geht es dort um die Weihe von sogenannten Viri Probati (bewährten verheirateten Männern) mit priesterlichen Befugnissen, eine Entbindung vom Zölibat und den Zugang für Frauen zum Diakonat.

Nach Ansicht des Linzer Bischofs schließt sich das Zeitfenster für Lösungen zunehmend: "Es braucht ein Ringen um Lösungsvorschläge in dem Bewusstsein, dass wir unseren Weg in der Einheit mit der Gesamtkirche gehen." In seiner Diözese haben die veränderten Rahmenbedingungen - Priestermangel und Überalterung, Beauftragung von Priestern für mehrere Pfarren - bereits dazu geführt, dass nun in Ausnahmefällen neben Klerikern auch Laien die Taufe spenden dürfen.

Was nun konkret den Zölibat betrifft, so hat diesen gut ein Viertel der Priester bei einer großen Befragung unter den Hauptamtlichen in der Erzdiözese als Belastung bezeichnet. Umgekehrt empfindet ihn allerdings die überwiegende Mehrheit als hilfreich für ihre seelsorgerische Tätigkeit und würde ihn auch wieder als Lebensform wählen. Der damalige Studienautor Christoph Jacobs meinte zu diesem Thema auch, dass es für Laien oft schwierig sei, Familienleben und Kirchenengagement zu vereinen.

Diakone mitunter als Priester zweiter Klasse behandelt

Der Zölibat hat aber sicher viele Berufene, die heute als Familienväter Ständige Diakone sind (im Unterschied zu Diakonen als Vorstufe zum Priesteramt) vom Priesterseminar abgehalten. Übrigens gibt es sogar verheiratete katholische Priester. Diese sind allerdings aus anderen christlichen Konfessionen konvertiert.

Mitunter fühle er sich von Priestern - ob absichtlich oder unbedacht - als Geistlicher zweiter Klasse behandelt, meint ein Ständiger Diakon im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Und merkt umgekehrt an: "Was wäre, wenn der Papst sagen würde, dass auch Diakone das Hochgebet sprechen und die Wandlung vollziehen dürfen, und immer mehr Diakone würden diese Befugnis nutzen - wie würden sich da wohl die Priester fühlen?"

Hätte er als verheirateter Mann Priester werden und mit diesem Beruf auch seine Familie ernähren können, "wäre das schon eine Option für mich gewesen", meint der Diakon, der in seinem Brotberuf weit mehr verdient, als er als Pfarrer bekäme. Nebenberuflicher Vir Probatus möchte er aber nicht werden. "Das wäre noch mehr ‚hergeschenkte‘ Freizeit, um es überspitzt zu formulieren."

Eine Aufhebung des Zölibats wäre sicher kein Allheilmittel gegen den Priestermangel, meint Prüller: "Ich finde es spannend zu sehen, welche Nöte die Evangelischen trotz der niedrigen Einstiegsschwellen in den Pastorenberuf in Deutschland haben."