Wien. "Ist Ihnen eigentlich bewusst, was das bedeutet: eine Delogierung?", fragt Bernhard Rubik. "Naja", antwortet der junge Mann zögerlich. "Ich will eh weg aus Wien. Vielleicht aufs Land", fügt er hinzu. "Geld sparen, jedenfalls." Verunsichert streicht er sich über den unregelmäßigen Stoppelbart. "Ich gebe Ihnen meine Nummer, ich bin Sozialarbeiter. Rufen Sie mich an, wenn Sie was brauchen." Rubik schreibt seine Handynummer auf einen Schreibblock. Während er den Zettel abreißt und dem Mann reicht, fragt er: "Oder soll ich Sie anrufen?" Martin N. blickt zögernd zu Boden. "Nein, ich habe kein Telefon."

Bernhard Rubik ist einer von sechs Sozialarbeitern, die für Wiener Wohnen Menschen aufsuchen, denen eine Zwangsräumung im Gemeindebau bevorsteht.

"Wir sind die Letzten von den Guten", sagt Rubik. Nach ihnen kommen nur mehr Exekutoren und Räumwagen. Aber sehr oft würden sie es schaffen, gemeinsam mit den Mietern oder Mieterinnen, eine Räumung zu verhindern. Der Mann ihm gegenüber ist Martin N. - einer von tausenden Menschen in Wien, denen der Rauswurf aus ihrer Wohnung droht. Während Zwangsräumungen österreichweit leicht abnehmen, steigt ihre Zahl im Wiener Gemeindebau noch immer leicht an.

Vogel-Strauß-Taktik

Ein überquellender Briefkasten ist ein starkes Indiz dafür, dass die von einer Delogierung Betroffenen die Vogel-Strauß-Taktik gewählt haben und allfällige Mahnungen ignorieren. - © Cornelia Kalkhoff/stock.adobe.com
Ein überquellender Briefkasten ist ein starkes Indiz dafür, dass die von einer Delogierung Betroffenen die Vogel-Strauß-Taktik gewählt haben und allfällige Mahnungen ignorieren. - © Cornelia Kalkhoff/stock.adobe.com

Sein Vorgehen ist routiniert. Im Vorbeigehen vergisst Rubik nie, einen oberflächlichen Blick auf die Briefkästen zu werfen. Quillt das Postfach über, wäre alles klar. "Was kommt heutzutage mit der Post?" fragt der Sozialarbeiter. "Werbung und Mahnschreiben," beantwortet er seine Frage gleich selbst. Viele, der von Delogierung Betroffenen, würden die Vogel-Strauß-Taktik wählen, "sich einkugeln", erklärt der 34-Jährige. Der Briefkasten wird einfach nicht mehr geleert. Denn oft sei der Mietrückstand nicht das einzige Problemfeld.

Rubik nimmt die Treppe in den zweiten Stock des Josef-Illedits-Hof, einem Gemeindebau in der Landstraße. Er klopft an eine Tür, die auffällig mit kindlichen Weihnachtsmotiven beklebt ist. Trotz mehrerer Versuche bleibt es hinter der Tür still. Rubik hinterlässt eine Nachricht. Hinter der Tür lebt eine Familie, die akut räumungsbedroht ist. Seit Monaten wurde die Miete nicht überwiesen, Mahnschreiben blieben unbeantwortet. Warum, ist unklar. Schließlich hat das Gericht die Räumung der Gemeindewohnung beschlossen. Ende Jänner ist es soweit.

Österreichweit werden jährlich mehr als 11.000 Räumungsanträge gestellt, tatsächlich durchgeführt wird jedoch nur ein Teil davon. 2017 wurden in Wien exakt 4326 Haushalte zwangsweise aufgelöst, 786 davon im Gemeindebau. Betroffen sind tausende Menschen. Bundesweit ist die Zahl leicht rückläufig, am Wiener Privatsektor ebenso. Im Gemeindebau jedoch steigt die Anzahl der Zwangsräumungen seit Jahren leicht an. Zwar gibt es vielfältige Gründe für einen Rausschmiss - ungebührliches Verhalten, Nicht-Benützung oder illegale Untervermietung. 95 Prozent der Zwangsräumungen werden aber, der Volkshilfe zufolge, wegen akutem Geldmangel oder einem schlecht kalkulierten Haushaltsbudget der Mieter durchgeführt, spricht: Wegen Mietzinsrückstand. Bei vielen sei das Budget ohnehin knapp. "Ist dann aber die Waschmaschine kaputt oder braucht es Extrazahlungen wegen des Schulbeginns, dann reißt das ein Loch ins Budget," erklärt der Sozialarbeiter, "und die Miete geht sich nicht mehr aus."