Am Kreuzungspunkt zweier wichtiger Straßen gelegen, befand sich das Gelände des heutigen Michaelerplatzes während der römischen Herrschaft (1.-4. Jhdt. n. Chr.) vor den Toren des Legionslagers. Dort lagen die Siedlungen, in denen Familien der Soldaten wohnten, Handwerker und Händler ihre Werkstätten und Verkaufslokale betrieben, sowie Tavernen und Vergnügungslokale für Unterhaltung ihrer Gäste sorgten.

Bei Ausgrabungen der Stadtarchäologie konnten die Grundrisse ausgedehnter Gebäude festgestellt werden. Auch der Verwendungszweck dieser Häuser ließ sich vielfach noch feststellen. So befand sich etwa im Norden der Grabungsfläche eine Eisenschmiede, die vom 2. Jhdt. bis hinein in die Spätantike bestand. Gleich nördlich anschließend an diese Werkstätte stand ein komfortables Wohnhaus. Ein Teil des Hauses besaß nämlich eine antike "Zentralheizung", bestehend aus Fußboden- und Wandheizung; die Wände waren außerdem mit Wandmalereien verziert.

"Stockwerke" der Epochen

Ob und in welcher Form sich die Siedlung nördlich der Lagerquerstraße fortsetzte, konnte leider nicht mehr festgestellt werden. Hier standen zwischen dem Mittelalter und der Fertigstellung des Michaelertores einige Häuser, deren mehrstöckige Keller bei der Ausgrabung entdeckt wurden. Sie hatten die römischen Befunde in diesem Bereich weitgehend zerstört. Dennoch erwiesen sie sich als Fundgrube für das Archäologen-Team, da sie bis oben mit Bauschutt und Keramik, darunter die Teile mehrerer barocker Kachelöfen, angefüllt waren. Unterhalb dieser Kelleranlagen konnten noch weitere schachtförmige Gruben festgestellt werden, die möglicherweise in römischer Zeit als Latrinen, als Sickerschächte für das aufsteigende Grundwasser oder auch einfach als "Mistplätze" dienten. Denn sie waren reichlich mit römischen "Abfällen" verfüllt. Das reichhaltige Fundmaterial aus dieser Zeit beinhaltet insgesamt einige besonders interessante Gegenstände wie beispielsweise eine tönerne Gesichtsmaske oder ein exquisit gestaltetes Tongefäß mit einer Bacchischen Szene.

Kirche und "Paradeisgartl"

Im Mittelalter verlief hier eine aus dem Stadtkern nach Westen und Süden führende Straße. Zunächst bezog die Stadterweiterung der Babenberger Fürsten Ende des 12. Jhdt. das Gebiet erstmals in die ummauerte Stadt ein. Die Erbauung der Hofpfarrkirche St. Michael, die in der zweiten Hälfte des 13. Jh. als Stadtpfarrkirche neben St. Stephan gegründet wurde, gab dem Platz später (ab 1766) seinen Namen. Außerdem befand sich das Gelände im direkten Nahbereich der Habsburger-Residenz.

Eine bedeutende Veränderung brachte aber bereits die Renovierung dieser Residenz durch Kaiser Ferdinand I. zwischen 1536 und 1552. Er ließ, ganz im Zeitgeist der Renaissance, vor seiner Hochzeit mit Anna von Ungarn für seine zukünftige Gattin einen prunkvollen Lustgarten, das sogenannte "Paradeisgartl", errichten.

Erst durch die heftige Bautätigkeit Ende des 19. Jhdt. kam es zur Verwandlung einer jahrhundertelangen "Straßenkreuzung mit Platzfunktion" in einen richtigen "Platz".