Wien. Manche können es trotz gedämpfter Temperaturen nicht mehr erwarten. An diesem Donnerstag wird mancher Schwimmfanatiker zur Saisoneröffnung ins Kongreßbad an der Grenze zwischen Ottakring und Hernals pilgern, um dort im Liegestuhl Erholung und ein bisschen Sonne zu genießen. Was viele Badegäste nicht wissen: Das Kongreßbad ist eines von 31 Bädern, das in der Ära des Roten Wien in der Zwischenkriegszeit errichtet wurde.

Daran erinnert Maria Maltschnig, Direktorin des Renner-Instituts, der Parteiakademie der SPÖ. "Das sind alles Elemente, wo man sieht, dass der kulturelle Geist des Roten Wien diese Stadt noch prägt", analysiert sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Es schwebe zwar jetzt nicht mehr "über jeder Freizeitaktivität der SPÖ-Stempel". Aber "sehr auffällig ist, dass dieser Anspruch, in der Stadt Lebensqualität für alle zu schaffen, sehr präsent ist", erläutert sie.

100 Jahre sozialdemokratische Führung haben die Stadt geprägt. Gemeindebauten, Spitäler, Ambulatorien und der rote Schulreformer und seinerzeitige Stadtschulratspräsident Otto Glöckel geben ein Zeugnis vom Roten Wien ab. Oder eben auch die Bäder.

Ein Unterschied ist aber, dass nicht mehr die enge Verknüpfung mit der Sozialdemokratie gegeben ist. Wer sich im Kongreßbad mit seinem markanten roten Anstrich räkelt, fühlt sich deswegen nicht der SPÖ zugehörig. Er genießt einfach die Erholungsoase.

"Der Geist ist immer noch da", betont der ehemalige Sozialminister Rudolf Hundstorfer, der im Wiener Rathaus als Kanzleilehrling begonnen hat. Er zählt Wohnbau, soziale Absicherung und Bildungszugang für alle als vorrangige Aushängeschilder des weiter existierenden Roten Wien auf.

Gemeindebauten waren
schon aus der Mode

"Vergleichen Sie Wien einmal mit Berlin oder München", empfiehlt Hundstorfer zur Untermauerung seiner Meinung. Von Paris oder London wolle er gar nicht reden. "Oder suchen Sie einmal in Innsbruck eine Wohnung", ergänzt er. Auch wenn in Wien die Mieten gestiegen sind, "das ist weiterhin ein wichtiges Asset", erläutert der Ex-ÖGB-Präsident.

Auch was den Zugang zur Bildung betrifft, wird seiner Ansicht nach vielfach vergessen, was Jahrzehnte nach der Hochblüte des Roten Wien gelungen sei. So werde beispielsweise die Kinderbetreuung samt Verpflegung kostengünstig angeboten.

Für jeden sichtbar als Erbe des Roten Wien sind die vielen Gemeindebauten. Dabei galten gerade diese vor gar nicht so langer Zeit als nicht mehr zeitgemäß. 2004 wurde der vorerst letzte Gemeindebau übergeben. Diese waren jahrzehntelang die Basis für SPÖ-Wahlerfolge in Wien. Es dauerte dann aber nicht lange, bis diese Form des geförderten Wohnbaus wieder modern wurde.