Das Wiener Rathaus agiert genauso. Es will zweifellos fördern, erstickt den Gestaltungswillen aber gleichzeitig unter seinen Argusaugen. Bewohner wollen den Gehsteig vor ihrem Haus mit Pflanzenkübeln behübschen? Ja, gerne, aber bitte die Idee vorher bei der "Grätzl Oase" einreichen. Bestimmungen beachten. Stempel abholen. Ja keinen Schrauben ohne Bewilligung eindrehen. Immer schön um Erlaubnis fragen. Wahre Kreativität ist so nicht möglich.

Hat die Stadtregierung Angst, loszulassen? Vertraut sie ihren Bürgern nicht? Die Sache ist komplex. Von der Behörde wird erwartet, die Einhaltung von Regeln zu überwachen. Andererseits trägt Überwachung nicht unbedingt zur Zufriedenheit der Bürger bei. Es ist ein schmaler Grat. Auf ihm zu wandeln ist die große Kunst der liberalen Verwaltung. Die Stadt Wien beherrscht sie nicht.

Wie schwer sie sich mit eigenmächtigen Bürgern tut, erzählt die unrühmliche Geschichte des Skateparks Alm.

Seit Jahrzehnten lagen die Gründe des ehemaligen Nordbahnhofs im 2. Bezirk brach. Sie waren innerstädtisches Niemandsland. Buschwerk, Wiesen, kleine Wäldchen - durchzogen von rostigen Gleiskörpern und rissigen Straßen. Wenige Junkies und Obdachlose lebten in den verfallenen Bahnhofsgebäuden. Spaziergänger durchstreiften die Wildnis. Der perfekte Ort zum Skaten, befand eine Handvoll Jugendlicher vor Jahren. Keine Anrainer, keine Anzeigen, kein Stress. Sie räumten einen stillgelegten Parkplatz von verstohlen entsorgten Kühlschränken, Fernsehern, Sperrmüll, kehrten Scherben und Dreck weg - begannen zu bauen. In Eigenregie betonierten sie Rampen. Das finstere Eck am Nordbahnhof verwandelte sich in eine Sportstätte. Der Skatepark störte niemanden. Er war beliebt und hoch frequentiert. Und plötzlich war er nicht mehr da.

Der selbst gebaute Skatepark erstreckte sich einst über eine Fläche von rund 3000 Quadratmetern. - © almdiy
Der selbst gebaute Skatepark erstreckte sich einst über eine Fläche von rund 3000 Quadratmetern. - © almdiy

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Jahr 2014 zerstörte ihn der Grundeigentümer, die ÖBB. Vieles lernt man erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat. Die Binsenweisheit trifft auf die Stadtregierung zu. Denn nachdem der Park Geschichte war, begann sie zu intervenieren. Die damalige Beauftragte für Zwischennutzung der Stadt, Jutta Kleedorfer, setzte sich für die Skater ein. Sie handelte einen Deal mit den ÖBB aus. Die 6500 Euro Miete für ein Jahr übernahm die MA 13 (Bildung und außerschulische Jugendbetreuung) in Form einer Förderung. Die MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung) unterstütze organisatorisch. "Wie hatten damals viele Fürsprecher im Rathaus", sagt Ben. Der 30-Jährige gehört zum Kreis der Erbauer der Alm. "Die Stadtregierung motivierte uns, weiterzumachen." In einem Jahr würde sie das Areal ohnehin von den ÖBB kaufen. Dann könnten die Skater bleiben. So das Versprechen der Stadt.

Also alles von vorne. Wieder karrten die Skater säckeweise Zement, Schotter, Sand an. Auf einer Fläche von über 3000 Quadratmetern schufen sie ihr Schlaraffenland. Rampen, Curps, Rails - was das Skaterherz begehrt, gab es hier. Gleich daneben legten sie einen Gemeinschaftsgarten an. Auf den Griller schmissen auch die Nachbarn Würstel und Steaks. Der Skatepark wurde zum Treffpunkt im Grätzls. Und plötzlich war er nicht mehr da.