Doch die Halle wurde zum Selbstläufer. Die Wiener besuchten sie in Scharen. 200.000 Menschen zählten die Initiatoren in nur zwei Jahren. Hochzeiten fanden hier genauso statt wie das Urbanize-Festival, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Workshops, Vernetzungstreffen, Feste, Radrennen, Tischtennis- und Minigolfturniere, Grill- und Filmabende. Die Halle war permanent ausgebucht. Sie fand Anklang im Grätzl. Aus dem Uniprojekt war ein Nachbarschaftszentrum geworden. Eine Institution im Bezirk. Ungeplant, ohne Zutun der Stadt.

Als der Zwischennutzungsvertrag auslief, sperrte man sie Anfang Juli trotzdem zu. Der Aufschrei war groß. Nachbarn standen vor verschlossenen Toren. Medien berichteten über den Fall. Die Bürgerinitiative IG Nordbahnhalle stemmt sich seither gegen den Abriss. Ihre Chancen sind verschwindend. Obwohl sich die mächtigen Köpfe der Stadtregierung durch die Bank positiv über die Nordbahnhalle äußern, handeln sie divergent. Ihr Argument: Kultur darf nicht auf Kosten von Grünraum passieren.

Kontrollierte gegen autonome Partizipation

Denn wie der Skatepark steht auch die Nordbahnhalle auf dem Areal der künftigen "Freien Mitte". 1300 Quadratmeter des 90.000 Quadratmeter großen wilden Parks würde die Nordbahnhalle fressen. Und auf die besteht die Stadt. Schließlich haben die Bürger so entschieden. "Die Pläne des Nordbahnviertels wurden gemeinsam mit den Bürgern in einem breiten Beteiligungsprozess entwickelt. Sie haben sich eine große naturbelassene Fläche gewünscht", sagt Georg Kehrer, Sprecher der Planungsstadträtin und Vizebürgermeisterin Brigit Hebein (Grüne). Die verschiedenen Ebenen von Bürgerbeteiligung werden als Konfliktparteien gegenübergestellt. Kontrollierte gegen autonome Partizipation.

200.000 Menschen zählten die Initiatoren in nur zwei Jahren der Zwischennutzung. - © Peter Fattinger
200.000 Menschen zählten die Initiatoren in nur zwei Jahren der Zwischennutzung. - © Peter Fattinger

"Der Konflikt ist konstruiert", sagt Elke Rauth. Für die Mitbegründerin der Bürgerinitiative IG Nordbahnhalle widersprechen sich Grünraum und Kultur nicht. "Kultur darf nicht gegen Natur ausgespielt werden. Wir brauchen beides. Wir brauchen den großen Grünraum ganz dringend. Und wir brauchen nicht profitorientierte Orte - wo sich Menschen begegnen können - ganz dringend. Solche Orte haben eine immens hohe Notwendigkeit", sagt sie. "Die Menschen identifizieren sich wieder stärker mit ihrem Grätzl. Sie wollen mitgestalten. Sie wollen aktiv zu einer lebenswerten Stadt beitragen. Doch die Stadtregierung tut sich schwer mit Bürgerbeteiligung, die nicht von ihr selbst initiiert ist. Bottom-up-Prozesse scheint sie fast als Majestätsbeleidigung zu verstehen. Sie hat kein Verständnis dafür. Ihre Strategie ist, komplett zu mauern." Im Büro der Vizebürgermeisterin sieht man das anders. Eine weitere, temporäre Zwischennutzung sei durchaus angedacht. Langfristig wird die Halle aber abgerissen. "Mit den Beteiligten der Nordbahnhalle war von Anfang ausgemacht, dass das Projekt ein Ablaufdatum hat", sagt Kehrer. Nachsatz: "Gewähren wir hier eine längerfristige Nutzung, stellt niemand mehr seine Räumlichkeiten zur Zwischennutzung zur Verfügung. Aus Angst, sie nicht mehr zurückzubekommen." Da ist sie wieder. Die Angst der Stadtregierung vor der Emanzipation ihrer Bürger. Nur nichts erlauben, sonst kommen die Nächsten.

Unausgesprochen scheint in Wien das josephinische Prinzip zu gelten: "Alles für das Volk. Nichts durch das Volk." Zeitgemäß ist das nicht. In Berlin unterstützt die Stadtregierung Eigeninitiativen aktiv. Sie stellt ihnen Beratungsbüros zur Seite. In der Urbanistik wird seit Jahren hitzig debattiert, wie ungeplante Bürgerbeteiligung unterstützt werden kann. Es geht um die Frage, wie eine Stadtverwaltung fruchtbare Nährböden für autonome Partizipation ohne Kontrolle der Obrigkeit schaffen kann. Denn nur so - ist sich die Expertise sicher - entsteht echte Beteiligung. Die Gstettn am ehemaligen Nordbahnhof ist so ein Nährboden. Man müsste die Menschen einfach nur tun lassen. Doch das Wiener Rathaus verfängt sich in den Ängsten überfürsorglicher Eltern. Sie will ihren Bürgern Mama und Papa gleichzeitig sein. Lernen die Kinder, auf eigenen Beinen zu stehen, wird das Rathaus nervös. Im Dilemma zwischen Helfen und Sorgen hat es sich auf eine Taktik geeinigt - verhindern, statt zulassen. Ist sicherer.