Die Stadt Wien lebt von ihrer Vergangenheit. Mittelalterliche Kirchen, barocke Palais, prunkvolle Gründerzeitbauten, altertümliche Gassen sind Teil der Wiener Identität. Sie locken Millionen Besucher aus aller Welt. Vor allem der 1. Bezirk und die Ringstraße sind touristische Hotspots. Seit 20 Jahren ist das historische Zentrum von Wien Unesco-Welterbestätte. Es besteht aus einer Kern- und einer Außenzone und umfasst 8,33 Quadratkilometer. Doch seit vier Jahren ist sein Status als Welterbe gefährdet. Die Unesco setzte den Wiener Stadtkern auf die "Rote Liste". Der Grund ist ein geplanter Turm am Wiener Heumarkt.

Streit um Heumarkt-Turm

Ein Hochhaus würde das Stadtensemble zerstören, begründete die Unesco ihre Entscheidung. Der Heumarkt-Turm würde den sogenannten Canaletto-Blick verstellen - die Aussicht auf die Wiener Innenstadt vom Oberen Belvedere, wie sie der venezianische Maler Bernardo Bellotto Mitte des 18. Jahrhunderts festhielt. Die Kriterien in Welterbe-Zonen sind klar. Neubauten dürfen nicht höher als 43 Meter sein.

Der Streit um den Turm des Investors Michael Tojner und seiner Wertinvest auf dem Areal des Hotels Intercontinental schlägt seit knapp zehn Jahren Wellen. Das Projekt polarisiert. Auf allen Ebenen kam es zu Aufruhr. Bürgerinitiativen stemmten sich gegen den Neubau, der Eislaufverein schlug Alarm. Sogar parteiintern flogen die Fetzen. Die Basis der Wiener Grünen sprach sich in einer Urabstimmung 2017 gegen die Neugestaltung aus, die Parteispitze stimmte im Gemeinderat trotzdem dafür. Um den Vorgaben der Unesco gerecht zu werden, wurden die Pläne für den Turm bereits dreimal adaptiert. Erst schrumpfte er von 77 Metern Höhe auf 66, dann auf 55. In der zweiten Maihälfte soll der Öffentlichkeit der bereits dritte Plan präsentiert werden. Laut einem Bericht im Magazins "Trend" zeichnet sich nach Gesprächen zwischen dem Außenministerium, der Unesco und der Stadt Wien nun eine Lösung ab. Der Turm dürfte Geschichte sein.

Plan mit Verspätung

Doch der Turm im Herzen Wiens ist nicht der einzige Dorn im Auge der Unesco. Sie fordert klare Richtlinien im Umgang mit Welterbestätten in Form eines Managementplans. Er soll "Ziele und Maßnahmen beschreiben, mit denen der Schutz, die Pflege, die Nutzung und Entwicklung von Welterbestätten verwirklicht werden", wie es auf der Website der Unesco heißt. Einen solchen Plan hat es in Wien bisher nie gegeben. Das soll sich nun ändern. Seit zwei Jahren arbeitet die Stadt Wien gemeinsam mit Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft daran. Nicht zuletzt, um eine Kontroverse wie jene um den Heumarkt in Zukunft zu vermeiden. Im Sommer wird der Plan der Unesco vorgelegt, im Herbst soll er im Gemeinderat beschlossen werden. Am Donnerstag wird ein erster Entwurf im Rahmen einer Enquete im Rathaus vorgestellt. Danach können Experten ihre Meinung dazu kundtun. Wortmeldung wird es von Architekten, Stadtplanern aber auch Politikern der Opposition geben. Unter ihnen Planungssprecherin der Wiener ÖVP Elisabeth Olischar.

Olischar kritisiert den Managementplan bereits im Vorfeld. Sie unterstellt ihm mangelnde Verbindlichkeit und befürchtet "weitere Beliebigkeit im Umgang mit dem Weltkulturerbe", wie sie in einem Pressegespräch gemeinsam mit ÖVP-Klubobmann Markus Wölbitsch am Mittwoch sagt. "Bisher agierte die Wiener SPÖ nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht." Der Fall des Wiener Heumarktes sei dafür exemplarisch. "Die Stadtregierung wollte entgegen jeglicher Regel plötzlich einen Turm neben dem Stadtpark genehmigen", sagt Olischar. Um die "Planlosigkeit und den Leichtsinn der SPÖ" - wie es Wölbitsch nennt - in Zukunft zu vermeiden, fordert die Wiener ÖVP verbindliche Vorschriften, wie in den Welterbe-Zonen gebaut werden darf. "Rechtliche Verbindlichkeit ist nur über eine Verankerung der Welterbezonen in der Wiener Bauordnung möglich", sagt Olischar. Die ÖVP fordere das seit Jahren.

Außerdem will die ÖVP eine verpflichtende jährliche Evaluierung im Managementplan verankern. "Es muss überprüft werden, inwieweit die Ziele des Plans voranschreiten", sagt Olischar. Auch welche Maßnahmen bei Nichteinhaltung gesetzt werden, müsse diskutiert werden. Weiters müsse der Managementplan mit den anderen Planungsinstrumenten der Stadt abgestimmt sein, mit dem Hochhauskonzept etwa.

ÖVP fühlt sich ausgegrenzt

Um ihre Ideen in den Plan einbringen zu können, fordert die ÖVP die Möglichkeit einer schriftlichen Stellungnahme bis Ende Mai. Denn in der Entstehung sei die Partei nicht eingebunden gewesen, wie Olischar betont. "Der gesamte Prozess war für die Opposition eine Blackbox", sagt sie. Das Versprechen der Transparenz, das die Stadt auch öffentlich gab, sei nicht gehalten geworden.

Auch der Präsentation des Entwurfs sieht die ÖVP skeptisch entgegen und befürchtet eine rote Parteiveranstaltung. "Wir haben genau drei Minuten Redezeit, um unsere Punkte einzubringen", sagt Olischar. Was mit den Wortmeldungen nach der Enquete passiere, sei ungewiss. Dem Entwurf, wie er jetzt vorliege, werde die ÖVP nicht zustimmen. "Das 91 Seiten starke Papier hat 480.000 Euro gekostete, es soll kein Lippenbekenntnis für den Mistkübel sein", sagt Wölbitsch.